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Die AfD-Politiker Alice Weidel und Alexander Gauland im Bundestag: Nationalismus ist im Mainstream angekommen.

Mit Rechten reden?

Nazis raus

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Contra: Das Reden mit Rechten geht immer mit der Tolerierung eines fremdenfeindlichen Status quo einher - und stellt humanistische Prinzipien zur Diskussion.

Nein, mit Rechten will ich nicht reden. Es ist noch nicht allzu lange her, da wäre dies als selbstverständlich erklärt und maximal für Jugendpsychologen und Sozialarbeiter als optionale Karte gezogen worden. Nationalismus samt Anhänger fristeten ein Dasein in der geächteten Schmuddelecke, und der Widerstand gegen einen wie auch immer gearteten Vorstoß ins gesellschaftliche Epizentrum wurde selbst von den Konservativen mitgetragen.

Jetzt sitzt die AfD mitsamt völkischen Grundrauschens im Bundestag, was ohne tief verwurzelte Fremdenfeindlichkeit nicht hätte funktionieren können. Der Nationalismus ist im Mainstream angekommen und darf all die Leute an die Oberfläche spülen, die vorher ihre Klappe zu halten hatten. Entsprechend ist der Tabubruch vollzogen und Geschichtsrevisionismus sowie die vorsätzliche Falschbehauptung einer bevorstehenden „Umvolkung“ werden öffentlich diskutiert.

„Reden mit Rechten“ als verbales Umerziehungsprogramm

Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um die Höckes oder deren Mitläufer handelt. Die Funktionäre, so hallt es aus den Echokammern, müsse man stellen; in ihrer Falschheit durch gezielt analytisch-kluges Fragen entlarven. Dass dieses „Entlarven“ die Meinungsführer bislang in ihrer Popularität nicht beschädigt hat – geschenkt. Reden wollen die Echokammer-Vernünftigen trotzdem, insbesondere mit den „abgehängten“ Opfern eines kapitalistisch losgelassenen Polit-Establishments. Mit ihnen muss immer und überall geredet werden, denn sie gilt es zurückzuholen, heim in die Sphäre des bürgerlichen Rassismus. Den bekommt aber auch, wer die Union wählt.

Weniger soziale Ungleichheit plus mehr Kuschelkurs ergibt weniger AfD. Das ist die Gleichung, die ignoriert, dass die Fremdenfeinde längst parlamentarisch vertreten sind. Und die dieser Partei viel zu verdanken haben: nämlich offen so deutsch-national zu sein, wie sie es vorher an ihren Stammtischen waren.

Entsprechend geht das „Miteinander Reden“ immer mit der Tolerierung eines fremdenfeindlichen Status quo einher. All die Pro-Argumente einer Entlarvung oder gesellschaftlichen Befriedung können nur funktionieren, wenn man gedanklich auf die Rechten zugeht. Umgekehrt werden die das nicht tun. Die zwanghafte Suche nach Berührungspunkten um des Diskurses Willen weicht im Zweifel nur die eigene moralische Haltung auf und stellt humanistische Prinzipien zur Diskussion.

Das sollte eigentlich die Grundwerte der diskursiv aktiven Demokraten erschüttern, doch vermutlich meinen die sowieso eher ein verbales Umerziehungsprogramm, wenn sie von „Reden mit Rechten“ sprechen. Dann sollten sie es auch so benennen.

Außerdem sollte aufgefallen sein, dass im Austausch mit rechten Funktionären die Redseligen sich nur gegenseitig bestätigen, während der politische Gegner kalt lächelnd die nächste Bühne betritt. Eben weil er weiß, dass es um Deutungshoheit geht – und die erlangt man nicht über den Austausch, sondern über Populismus. Welchen Grund also gibt es, mit Rechten zu reden? Ich habe keinen.

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