Kolumne

SPD natürlich

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Es ist nicht sinnvoll, ein technisches Gerät anzubrüllen, weil es nicht mehr funktioniert. Ähnliches gilt auch für Volksparteien.

Bei der nächsten Gelegenheit, die sich bietet, werde ich wieder SPD wählen. Nicht aus Mitleid, obwohl der Niedergang der Sozialdemokratie zweifellos auch eine emotionale Dimension hat. Ich werde SPD wählen, auch wenn mir Andrea Nahles nicht gerade als eine ideale Vertreterin an der Spitze jener Partei zu sein scheint, der ich seit Erlangung der Wahlberechtigung Ende der 70er Jahre mit wenigen Ausnahmen meine Stimme gegeben habe.

Eher schon halte ich es in meiner Anhänglichkeit mit Theodor Fontane, der eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Bereitschaft für geboten hielt, sich von neuen gesellschaftlichen Strömungen einfach mitreißen zu lassen. Mit dem Alten, so empfahl Fontane, solle man es halten, solange es geht. Und mit dem Neuen nur, wenn man muss.

Fontane war kein Spießer im ursprünglichen Wortsinn, der aus ängstlicher Beharrlichkeit geneigt war, am Gewohnten, also dem Tragen von Stichwaffen in Zeiten von Kanonen, festzuhalten. Fontanes Werk ist von der Überzeugung in die Notwendigkeit des gesellschaftlichen Wandels tief durchdrungen, aber auch von dem liebevollen Blick auf das Herkömmliche.

In politischer Hinsicht ist das Neue nicht zu sehen, erst recht nicht in der Mobilisierung der Affekte, die den großen Parteien zuletzt mit einiger Wucht die Wählergunst entzogen hat. In der unmittelbaren Beurteilung dieses Vorgangs ist an Wahlabenden schnell von Abstrafung die Rede. Dem Wähler werden abwägendes Kalkül bei der Stimmabgabe abgesprochen und aufgebrachte Gefühle unterstellt.

Die demokratische Entscheidung wird demnach nicht mehr als eine Weichenstellung für die Zukunft empfunden, sondern als Abrechnung dessen, was war. Wut, Hass, Denkzettel, Rache. Am Wahltag bieten sich die Parteien, die für das große Ganze stehen, als geeignetes Ventil an, Druck abzulassen. Wenn dieser Mechanismus richtig beschrieben ist, dann übernehmen die Parteien eine wichtige Funktion, die anderswo immer weniger erfüllt zu werden scheint.

Die Störungs- und Beschwerdestellen sind unbesetzt, und wenn die digitalen Apparate dazu anhalten, es später noch einmal zu probieren, übt sich der User in artiger Folgsamkeit. Bei der unendlichen Wahlfreiheit, die das Internet bereithält, gibt es keine Abwahl-App. Dabei ist nur, wer zuvor bereit war, sich registrieren zu lassen. Jeder Tag ist Wahltag, und es ist gar nicht so leicht, da wieder rauszukommen.

Die demokratische Abstimmung wird nicht mehr als kostbares Gut der politischen Beteiligung wahrgenommen, sie tritt ein als Breaking News, von der man schicksalshaft überrascht wird. Politik erscheint als eine Art Wetterphänomen, zu dem man keine Belehrungen über Klimaveränderungen erteilt bekommen möchte.

Im Internet gibt es übrigens zu allen nur erdenklichen Defekten jede Menge Videoanleitungen und Reparaturhilfen. Wenn ich bei der nächsten Gelegenheit, die sich bietet, SPD wählen werde, tue ich dies nicht aus Sentimentalität. Eher schon bin ich bemüht, der Hoffnung auf gesellschaftliche Zurechenbarkeit Nahrung zu geben. Ich möchte damit den Gedanken zu seinem Recht kommen lassen, dass es nicht damit getan ist, ein technisches Gerät, das nicht mehr funktioniert, einfach nur anzubrüllen.

Harry Nutt ist Autor.

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