+
Ob die Lage im Nahen Osten 2020 besser wird?

Nahost-Konflikt

Mit Vorsicht zu genießen sind jene, die bevorzugt rechts außen überholen

  • schließen

Besser wird’s eh nicht? Das wäre schlimm genug, aber auch schlimmer geht fast immer.

Es gibt eine alte jüdische Parabel, die erzählt, wie Missstände am Ende als Wohltat erlebt werden. Sie geht in etwa so: Kommt ein armer Jude zum Rabbi, um sein Leid zu klagen. In seiner engen Behausung sei es nicht zum Aushalten, das Kindergeschrei zerre an seinen Nerven und das Gezeter seiner Frau auch. Nach einigem Nachdenken rät ihm der Rabbi, mal die Ziege ins Haus zu holen. Der Mann tut wie ihm befohlen, kommt aber nach einer Woche zurück und stöhnt, alles sei noch schlimmer geworden. „Hol’ auch den Esel rein“, empfiehlt ihm daraufhin der fromme Mann.

So geht es weiter, schließlich soll noch das Federvieh ins Haus. Bis der verzweifelt Ratsuchende die Erlaubnis erhält, nun sukzessive die Tiere vor die Tür zu setzen. „Endlich können wir wieder atmen“, bedankt er sich am Ende bei seinem Rabbi.

Die Moral liegt auf der Hand: Gib dich zufrieden, besser wird’s eh nicht.

Nahost-Konflikt: 2020 winken Wahlen, die an den Zuständen rütteln könnten

Israelische Kommentatoren zitieren die Geschichte ab und an, um sich über versprochene Fortschritte, die sich als Nullnummer entpuppen, zu mokieren. Auch Palästinenser verweisen gerne auf die Rabbi-Parabel, die ihr Dasein trefflich charakterisiere: Die meisten Checkpoints, die ihnen die Israelis vor die Nase setzten, seien doch nichts als Schikane. Dazu da, dass die Besatzer etwas hätten, das sie je nach Bedarf lockern und als humanitäre Erleichterung verkaufen könnten.

Ohne allzu tief in den ungelösten Nahostkonflikt einsteigen zu wollen – im kommenden Jahr winken zumindest Wahlen, die an den Zuständen rütteln könnten. Die Israelis sind zwar alles andere als begeistert, nach zwei fehlgeschlagenen Versuchen der Regierungsbildung im März zum dritten Mal binnen elf Monaten ihre Stimmzettel abgeben zu sollen. Aber ihr Langzeit-Premier „Bibi“ Netanjahu hält sich und sein Amt, das ihm eine vorteilhafte Ausgangsposition im drohenden Korruptionsprozess verschaffen könnte, für unersetzlich.

Die Palästinenser wiederum sollen erstmals seit 14 Jahren wieder Parlament und Präsident wählen dürfen. Allerdings sind daran so viele Wenns und Abers geknüpft, dass der Urnengang auf den Nimmerleinstag verschoben werden könnte. Zumal der Verdacht besteht, dass die Machthaber in Ramallah und Gaza – Fatah und Hamas – kein Wahlergebnis hinnehmen würden, bei dem sie als Verlierer dastehen. Was mit demokratischen Gepflogenheiten schlecht vereinbar ist.

Nahost-Konflikt: Reaktionäre Kräfte wollen die Verhältnisse so belassen, wie sie sind

Eine Menge reaktionärer Kräfte sind mithin am Werke, die großen Aufwand betreiben, um die Verhältnisse zu belassen, wie sie sind. Mit nicht weniger Vorsicht zu genießen sind jene, die bevorzugt rechts außen überholen. Ein Zeitgeistphänomen, das vielerorts auf der Welt gedeiht, auch in Deutschland. Um in Israel zu bleiben: Netanjahus innerparteilicher Herausforderer Gideon Saar hat zwar eine juristisch weiße Weste, gebärdet sich ansonsten aber als ultrarechter Knochen mit weitreichenden Annexionsfantasien.

Mir fällt da der Ausdruck „Verschlimmbesserung“ ein, den einst unser hochgeschätzter, leider verstorbener FR-Kollege A. K. prägte. Durch seine strenge Schule sind ganze Generationen junger Journalisten gegangen (auch ich). Wenn A. K. eine Manuskriptstelle entdeckte, die durch Korrekturen noch verquaster als zuvor klang, rümpfte er die Nase und seufzte gequält: „Eine Verschlimmbesserung!“ Den oder die so Gescholtene kostete das mindestens eine Flasche Sekt.

Möge das Jahr 2020 uns erbaulichere Gründe liefern, die Korken knallen zu lassen!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare