Fluggäste warten in einer Schlange
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Schlange stehen in der Abfertigung - manchmal teilen sich Menschen einen Flug, deren Ziele verfeindete Staaten sind.

Verfeindete Staaten

Naher Osten: Ein bisschen Frieden im Netz

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Auf Facebook geht es oft versöhnlicher zu als in der Wirklichkeit. Und Krieg wollen nur wenige Menschen. Oder? Die Kolumne.

Es war nur eine flüchtige Begegnung, irgendwann im letzten Herbst in Berlin-Tegel. Die Abfertigung der Turkish-Airlines-Passagiere nach Istanbul schleppte sich hin. Übermüdete Kinder quengelten, Mitreisende warfen entnervte Blicke auf ihre Uhr. Das Boarding begann, als wir eigentlich schon in der Luft hätten sein müssen. Ich war nicht die Einzige, die sich fragte, ob das mit den gebuchten Anschlussflügen noch hinhauen könne.

In der Warteschlange hinter mir telefonierte ein Mann aufgeregt auf Hebräisch. Ich drehte mich um. „Wollen Sie auch weiter nach Tel Aviv, so wie ich?“ Der Frau vor mir war unser Austausch nicht entgangen und mir nicht, dass sie bei der Erwähnung von Tel Aviv wie von der Tarantel gestochen zusammengezuckt war. „And you?“, fragte ich sie auf Englisch. „Is Istanbul your final destination?“ – „No, Beirut!“, erwiderte sie mit hörbarem Ausrufezeichen.

Oho, unsere Ziele sind miteinander verfeindete Staaten. Ich versuchte es mit einem Lächeln. „Dann können wir uns gegenseitig wünschen, dass es an der israelisch-libanesischen Grenze ruhig bleibt.“ – „Hoffentlich“, gab sie nun milde gestimmt zurück, und „kommen Sie gut an“.

Die Episode fiel mir wieder ein, weil im Nahen Osten und nicht nur dort erneut akute Kriegsängste kursieren. Was immer dieser unbeherrschte Egomane namens Trump und sein Gegenspieler, der weit kaltblütiger kalkulierende Fanatiker Chamenei, weiter im Schilde führen – ein großer, vielleicht sogar der größere Teil ihrer Bevölkerung verspricht sich davon nichts Gutes.

Ich dachte an die iranischen Geflüchteten in Berlin, denen ich Nachhilfe beim Deutschlernen gebe. Sie hoffen wie viele ihrer Landsleute auf einen Regimewechsel in Teheran, aber nicht auf einen, der wie seinerzeit im Irak durch einen US-Bombenhagel erzwungen wird.

Für sie sind Amerikaner auch nicht der „große Satan“ und Israelis nicht der „kleine“, sondern in erster Linie Menschen, mit denen sich nicht wenige Iraner längst „befreundet“ haben. Damals, 2012, als Premier Netanjahu mit einem Präventivschlag drohte, um den Mullahs ihre atomaren Gelüste auszutreiben, woraufhin ein Grafiker-Paar aus Tel Aviv eine Facebook-Kampagne lancierte: „Israel loves Iran“.

Ihre naive Botschaft löste ungeahnten Widerhall aus. Binnen Stunden postete ein iranischer Architekt eine eigene Facebook-Seite: „Iran loves Israel“. Zu Tausenden wurden Herzchen hin- und hergesendet, beide Seiten überschütteten sich geradezu mit „Love and Peace“-Bekenntnissen, die Israelis meist mit Foto, die Iraner vorzugsweise anonym, um Repressionen zu entgehen. Daran angeknüpft startete im Internet eine weitere Kampagne: „No war with Iran“ (kein Krieg mit Iran), die jetzt neue Fahrt aufnimmt.

Man kann dies als faulen Couchsurfing-Aktivismus abtun. Mit einer Sympathiebekundung per Mausklick rückt das ausgewiesene Ziel, „all unsere Konflikte friedlich zu lösen“, ja noch keinen Schritt näher. Überhaupt sind Facebook und Twitter recht windige Adressen der politischen Betätigung. Und trotzdem bleibt manches im Kopf hängen.

So wie der Eintrag eines US-Bürgers, der ein Bild von sich und einem Protestschild ins Netz stellte: Kriege, so seine Message, sollten durch Crowdfunding finanziert und von jenen geführt werden, die ihnen zujubeln. Viel käme da nicht zusammen, vermute ich mal im Vertrauen auf die Vernunft der Menschheit. Oder etwa doch?

Inge Günther ist Autorin.

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