Gastbeitrag

Nachhaltigkeit in einer digitalisierten Welt?

Beim Klimagipfel sollte damit begonnen werden, die digitale Revolution stärker als bisher für den Klimaschutz zu nutzen.

Am heutigen Montag beginnt der Klimagipfel am Sitz der Vereinten Nationen (UN). Im Mittelpunkt der Diskussion in New York stehen die nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs), also 17 Ziele zur Realisierung einer besseren und nachhaltigeren Zukunft für alle. Während die Ziele sich auf alle Bereiche der menschlichen Entwicklung beziehen, wird versäumt, einen Schlüsselfaktor – nämlich die digitale Revolution – zu erwähnen. Diese jedoch wird historische Veränderungen für alle Aspekte der menschlichen Existenz mit sich bringen.

Bei der Formulierung der SDGs haben wir, die Nachhaltigkeits-Community, noch nie dagewesene und tiefgreifende globale Entwicklungen, die die Entstehung und Verbreitung von Wissen stark beeinflussen – wie künstliche Intelligenz (KI), maschinelles Lernen und virtuelle Realitäten – einfach ignoriert. Heute, nur vier Jahre, nachdem die Staats- und Regierungschefs der Welt die SDGs unterzeichnet haben, wissen wir, dass der digitale Wandel – ob gut oder schlecht – sich auf jedes einzelne der SDG-Ziele auswirkt, von Armut über Ressourceneffizienz, Governance, Energie- und Mobilitätssysteme, Arbeitsmärkte bis hin zu transnationalen Partnerschaften.

Digitale Innovationen werden den grundlegenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel beschleunigen. Die Schlüsselfrage ist, ob die digitale Revolution der Impulsgeber ist, auf den wir zur Transformation zur globalen Nachhaltigkeit gewartet haben. Wird die Konvergenz zweier Megatrends – Digitalisierung und Nachhaltigkeitstransformationen – das 21. Jahrhundert prägen?

Das Potenzial der digitalen Technologien ist offensichtlich. Sie können zu Durchbrüchen in der Nachhaltigkeit führen, die schnelle Transformationen hin zu einer grünen Wirtschaft möglich machen und die Dekarbonisierung von Städten sowie von Mobilitäts-, Energie- und Agrarsystemen fördern.

In der Realität haben wir allerdings das Potenzial, die gewünschte Trendwende hin zur Nachhaltigkeit zu entwerfen und zu beschleunigen, noch nicht ausgenutzt; stattdessen haben das Internet, digitale Tools in unseren fossil befeuerten Autos und sehr energieintensive Rechenzentren für die Vertiefung und Verlängerung bestehender nicht nachhaltiger Wachstumsmuster in der globalen Wirtschaft gesorgt. Die Zeit ist gekommen, unsere digitalen Prioritäten neu zu ordnen.

Ein intelligentes Regierungs- und Verwaltungshandeln (Smart Governance) ist notwendig, um fehlende Glieder und Verbindungen herzustellen. Die digitale Revolution wird unsere Gesellschaften transformieren, so wie die Druckmaschine und später die Dampfmaschine je eine neue zivilisatorische Ära einleiteten. Sie wird auch unser Verständnis von menschlicher Entwicklung verändern, unseren Nachhaltigkeitsideen eine neue Form geben und unsere Kapazität, sich mit der Komplexität der Herausforderungen zu beschäftigen, stärken.

Was wir brauchen, sind Visionen und Lösungen für Nachhaltigkeitstransformationen in einer digitalen Welt. Für den bevorstehenden Klimagipfel fordern wir die weltweiten Staats- und Regierungschefs auf, als Voraussetzung zur Bewältigung digitaler Disruption schnell digitales Know-how in öffentlichen Institutionen auszubauen, großangelegte Investitionen in digitale Infrastrukturen für Nachhaltigkeitstransformationen vorzunehmen und Netzwerke zwischen den Nachhaltigkeits- und digitalen Forschungsgemeinschaften aufzubauen.

Wir schlagen einen Weltgipfel zur „Nachhaltigkeit im digitalen Zeitalter“ im Jahr 2022 vor, 30 Jahre nach dem Rio-Gipfel, um unsere Nachhaltigkeitsparadigmen zu überdenken und den Nachrichtenrealitäten des digitalen Anthropozäns anzupassen.

Es sollten aber nicht nur politische Entscheidungsträger und Wissenschaftler über diese Themen diskutieren, sondern auch die Zivilgesellschaft. Zu diesem Zweck wird der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, unterstützt von einflussreichen internationalen Wissenschaftsorganisationen wie der Universität der UN, dem International Science Council, am 25. September 2019 eine Onlinecharta „Our Common Digital Future“ veröffentlichen. Wir laden Sie ein, mit uns über die digitale nachhaltige Zukunft zu diskutieren, die wir uns wünschen: https://www.wbgu.de/charta.

Heide Hackmann ist Geschäftsführerin des Internationalen Wissenschaftsrats (International Science Council).

Dirk Messner ist Direktor des Instituts für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS).

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