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Nach dem Schnitzel bitte rasieren.

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Von: Michael Herl

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Schon Kinder wissen: Fleisch macht Lust. Und der Veganismus wird ebenso vergehen wie der Zwang zum Bart.

Eigentlich haben Kinder immer recht, denn bekanntlich tut Kindermund Wahrheit kund. Zuweilen werden sie sogar hochphilosophisch. Meinte doch vor Jahren der Sohn eines Freundes: „Wenn du mal so klein bist wie ich, wirst du auch keinen Spinat mögen“. Was soll man dagegen sagen. Und sie reden nicht nur klug, sie handeln auch so – wenn man sie lässt. Eltern überschätzen da oft den Instinkt des Kindes. Im Zimmer der Tochter einer Freundin hängt zum Beispiel ein Schild mit der krakeligen Aufschrift: „Mein Lieblingstier heißt Schnitzel und es kommt aus Wien“. Besser noch: Die Kleine, sieben Jahre alt, produziert nicht nur solch schöne Sprüche, sie handelt auch danach und ist in der Lage, genüsslich ein Schnitzel von gewaltiger Dimension zu verzehren.

Kinder essen Fleisch, und sie haben recht damit. Gut, Freund Peter hat es vielleicht ein wenig übertrieben, als er seinem Kleinen, noch bevor jener abgestillt war, einige Bröckchen Leber- und Blutwurst zufütterte. Der Mann ist Pfälzer und sorgte sich, sein Sohnemann könne vom rechten Weg abkommen und Vegetarier oder gar Veganer werden. Da kann so eine frühkindliche Erfahrung schon hilfreich sein.

In der Tat war es auch für meine kulinarische Prägung wichtig, schon als Kind bei Schlachtfesten mitgeholfen zu haben. Ich durfte das schlachtwarme Blut rühren, damit es nicht gerinnt. Noch heute läuft mir schon beim Anblick einer Blutwurst das Wasser im Mund zusammen. Und ich kenne nicht wenige Kinder, denen beim Besuch eines vernünftig geführten Bauernhofs das Knuddeln weniger Tage alter Schweinchen erst Appetit gemacht hat auf ein schönes Schnitzel.

Ich finde das kaum verwunderlich, ist doch nichts lusttötender als der Besuch der Fleischabteilung im Supermarkt. So bin ich der festen Überzeugung, dass Kinder mit solchen Erfahrungen keine Fleischfettberge der Fast-Food-Läden in sich stopfen und später nicht beim Discounter das Billigste vom Billigen kaufen. Sie essen lieber wenig Fleisch, dafür aber hochwertiges. Und sie sind durch ihren gefestigten Standpunkt nicht anfällig für immer wieder aufkommende Essmoden wie den seit einiger Zeit grassierenden Veganismus.

Man müsste ja gar nichts dagegen sagen, wäre er nicht mit diesem Dogmatismus verbunden, der mich immer wieder an meine Tante Elli erinnert. Die hing mir jahrelang mit der Behauptung in den Ohren, Onanieren lasse das Rückenmark schwinden. Hätte ich ihre Mahnungen nicht im Laufe meiner Pubertät kurzerhand weggeschürbelt, müsste ich sicher mit bleibenden Schäden leben.

Doch wie entstehen sie, diese temporären Essmoden? Ich denke, sie kommen aus Berlin. So wie der momentan zu beobachtende Bartzwang für Männer zwischen 20 und 50. Der Ursprung war wie immer ganz einfach. Einige hippe Szeneheinis waren zwar sexy, aber so arm, dass sie mehr und mehr verwahrlosten und schließlich aussahen wie Neandertaler. Und weil dies in Berlin geschah, wurde es zum Trend. Weiter: Die Jungs waren schließlich so klamm, dass sie sich zuerst keine Wurst mehr auf der Schrippe leisten konnten, später auch keine Butter. Ein neuer Hype war geboren: Der Veganismus. Mal sehen, wie lange er sich hält.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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