Kolumne

Im TGV nach Paris

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Auf dem Weg in die Hinterpfalz begegnete ich auf dem Weg zur Toilette einer Französin – was ich nie vergessen werde.

Eigentlich säftele ich selten in meinen Texten, eigentlich sogar nie. Warum sollte ich das auch tun? Virtuosen dieses Genres waren Leute wie Henry Miller, Anaïs Nin oder Charles Bukowski, an die werde ich nie rankommen. Das Geschreibsel von einer Charlotte Roche hat weder mit Erotik etwas zu tun noch mit Literatur, und schon gar nicht mit erotischer Literatur. Gibt es sonst noch was? Jede Menge.

Suchen Sie mal im Netz und sehen Sie, was Ihnen da unter diesem Überbegriff alles angeboten wird. Wenn Sie da auch nur kurz reinlesen, werden Sie nie wieder etwas schreiben, weder über Erotik noch über ein anderes Thema. Ihnen bleibt dann nur der Ausdruckstanz. Und nun? Wird das jetzt Kommende erotisch? Säftelt es? Ich finde nein. Habe ich doch die gleich zu beschreibende Begebenheit schon vielen Frauen und Männern erzählt. Danach brachen sie alle in schallendes Gelächter aus. Doch niemand von ihnen wand sich unter wollüstigem Stöhnen auf dem Wirtshausstuhl. Das ist doch schon mal eine Tendenz. Los geht’s.

Vor gut zwei Jahren saß ich in der Ersten Klasse des Zuges TGV Richtung Paris. „Aha“, werden Sie nun denken, „der feine Herr reist nobel.“ Das geht Sie aber erstens nichts an und ist zweitens wichtig für die Geschichte. Doch wenn es meiner generellen Authentizität dienen sollte, nehme ich das nächste Mal gerne eine Draisine.

Also: Ich saß da, guckte aus dem Fenster und freute mich. Ich wollte nämlich in die Hinterpfalz, ein alter Freund schlachtete eine Sau. Also nicht nach Paris zu Austern und Champagner, sondern nach Thaleischweiler-Fröschen zu Schwartenmagen und Fassbier. Aber mit dem TGV, so viel Stil muss sein. Auf der Höhe von Alsenborn ging ich zur Toilette und wollte die Tür öffnen.

Doch die wurde bereits von innen aufgestoßen. Heraus kam sie! Vielleicht Ende dreißig, lange, glänzende, brünette Haare, weiße Bluse, ein umwerfend schönes Designerkostüm mit Rock bis kurz übers Knie – und wundervolle Pumps von Christian Louboutin. Das erspähte ich, als sie einmal spielerisch wie bei einem Charleston-Tanz das linke Bein hob. Größe 37 hatte sie übrigens. Sie war gekonnt geschminkt, mit dieser Spur von gewollter Nachlässigkeit, wie sie nur Pariserinnen beherrschen. Bei allen anderen Damen dieser Welt sieht das verschmiert aus.

Sie war eine jener Frauen, die Woody Allen einmal vergötternd als „croissantfressende Schlampen“ bezeichnete. Die Schöne blickte mich kokett an, lächelte und hielt mir die Innenflächen ihrer Hände hin. Ich stutzte, blickte hin und sah darauf eine zähe, weiße Flüssigkeit, die mich an irgendetwas erinnerte.

Weltmännisch, wie man auf der Reise zu einem Pfälzer Schlachtfest nun mal ist, fragte ich: „N’y a-t-il plus d’eau? (Also „Gibt es kein Wasser mehr?“) Sie hauchte: „Non“, und sagte schließlich etwas, das ich mein Leben lang nicht mehr vergessen werde. Sie tat dies auf Deutsch, denn sie hatte wohl an meinem charmant-harten Französisch bemerkt, wo ich herkomme.

Sie holte kurz Luft, blickte mir tief in die Augen und gluckste gespielt verlegen mit ihrem süßen Akzent: „Normalerweise lecke isch das ab ...“. Dann lachte sie etwas kehlig, warf kurz den Kopf zurück, hauchte mir ein Küsschen zu – und verschwand Richtung Paris. Ich fuhr weiter zum Schlachtfest.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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