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Wenn wir uns in den Schmerz der Betroffenen hineinversetzen, wissen wir, dass wir sofort die Infektionskette des Hasses unterbrechen müssen

Kommentar des FR-Chefredakteurs

Nach den Morden von Hanau: „Nulltoleranz für Alltags-Terrorismus“

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Wenn wir uns in den Schmerz der Opfer hineinversetzen, wird klar, wir müssen sofort und massiv gegen Hass einschreiten. Wir brauchen eine Null-Toleranz-Strategie für Intoleranz. Ein Kommentar von FR-Chefredakteur Thomas Kaspar. 

New York im Jahr 1994: Außerordentliche Gewaltrate, Kriminalität wurde auf offener Straße akzeptiert, weil die bürgerliche Gesellschaft den Glauben aufgegeben hatte, das noch zurückdrehen zu können. Der republikanische Bürgermeister Rudolph Giuliani schaffte es dennoch durch die Kultur Null-Toleranz-Strategie. Seine Theorie: Wenn wir ein zerbrochenes Fenster akzeptieren, dann folgen aus den Bagatelldelikten auch größere. Also müssen wir schon gegen Kleinigkeiten einschreiten. Mit Erfolg: Die Kriminalitätsrate fiel dramatisch.

Morde von Hanau: Rechtsextreme Zermürbung 

Deutschland im Jahr 2020: Außerordentliche Gewaltrate in der öffentlichen Sprache, weil die bürgerliche Gesellschaft den Glauben daran verloren hat, dass man die systematische rechtsextreme Zermürbung in der öffentlichen Auseinandersetzung noch zurückdrehen kann. In der Folge haben sich die einen aus dem öffentlichen Raum zurückgezogen und nehmen nicht am Diskurs teil. Die Gewaltspirale hat sich so weit nach oben geschraubt, dass sie schließlich in einer Kette von Morden endet. Es ist jetzt an der Zeit die Kompromisslosigkeit der Rechten wie Giuliani gegen sie selbst anzuwenden.

Gewalttat von Hanau: „Menschen mit Migrationsbiographie haben Angst“

„Menschen mit Migrationsbiographie haben Angst“, sagt der grüne Landtagsabgeordnete Taylan Burcu heute in der FR. Er verweist auf den größten blinden Fleck in der Debatte nach der Kette rechter Morde. Der Blick der Betroffenen selbst. Bei vielen, die sich nicht zur Mehrheitsgesellschaft zugehörig fühlen, kommt die Gewalt in Worten und Taten als alltäglicher Terror und lebensbedrohende Einschüchterung an. Die Mehrheit der Deutschen schaut auf die Oper, aber wir verstehen sie nicht wirklich. Nach Hanau geht das aber nicht mehr.

Wenn wir uns endlich in den Schmerz der Betroffenen hineinversetzen, ist klar, dass es keine Minute mehr zu warten gibt. Wir müssen sofort die Infektionskette des Hasses unterbrechen.

Anschlag in Hanau: „Das wird man doch noch sagen dürfen!“

Es ist an der Zeit keine zerbrochenen Fenster in unserem menschlichen Umgang miteinander zu akzeptieren. „Das wird man doch noch sagen dürfen!“ Nein! Keine Toleranz gegenüber den Intoleranten, kein Millimeter Raum für Hassrede. Wir brauchen ein neues Tabu für Unmenschlichkeit, das herabsetzende Bemerkungen massiv ächtet und akzeptiert, dass wir derzeit eher zu sensibel und respektvoll auf fairen mitmenschlichen Umgang achten. Die Diskussion, ob Black-Facing nun schon Rassismus ist (Ist es!), oder ob man die amerikanischen Ureinwohner durch Indianerkostüme verletzt (Tut man!) ist vor allem eines: richtig und überfällig. Wer sich unsicher ist, ob sein Witz noch erlaubt ist, macht ihn einfach nicht. Wir müssen die Infektionskette des Hasses unterbrechen.

Rechtsextremismus: Keine Ausreden mehr 

Null-Toleranz gegenüber Intoleranten können alle praktizieren. Was C02-Einsparung für Klimaschutz ist, ist Hasseinsparung für Anti-Rassismus. Jeder von uns ist für sein Umfeld verantwortlich. Keine Ausreden mehr. Wie viel Kilo Hass schaffen wir gemeinsam abzubauen?

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