Kolumne

Mutiger als die Groko

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Frankreich tritt mit „Mercy“ beim Eurovision Song Contest an. Das hat mehr Empathie als so manche Politikerin oder mancher Politiker.

Mich würde nicht wundern, wenn die Franzosen in diesem Jahr den Eurovision Song Contest gewinnen. Die Elektro-Pop-Ballade über ein Flüchtlingsdrama taugt zum Ohrwurm und geht ans Herz. „Mercy“ (Erbarmen) heißt der Titel, den das französische Duo, genannt „Madame Monsieur“, im Mai in Lissabon vortragen sollen. Der Song hat sich nicht nur als klarer Favorit bei der von France 2 am vergangenen Samstag ausgestrahlten Vorentscheidung entpuppt. Im Internet hat er bereits jede Menge europäischer Fans.

Die Elektro-Pop-Ballade erzählt von einem Flüchtlingsmädchen, das in einem Schlauchboot auf dem Mittelmeer zur Welt kommt. „Mein Name ist Mercy“ heißt der wiederkehrende Refrain, was manchmal auch wie „merci“ klingt, das französische Danke. Besonders passend nach der Strophe, in der hinter den Wogen ein Rettungsschiff auftaucht, um die Flüchtlinge samt frühgeborenem Baby an Bord zu ziehen.

„Mercy“ erinnert allerdings auch an alle Kinder, „die von der See verschluckt wurden“. Umso beachtlicher das französische Votum, ein Lied ins Rennen zu schicken, das sich als Protestsong gegen die vorherrschende Flüchtlingspolitik verstehen lässt. Höchstpunkte aus Polen und Ungarn sind eher nicht zu erwarten.

Ja, ich höre schon die kritischen Einwände gegen Schlagerfuzzis, die mit einer Flüchtlingsschnulze Karriere machen. Aber „Madame Monsieur“ legen mit „Mercy“ mehr Mut und Empathie an den Tag als, sagen wir mal, die Sondierer der großen Koalition mit ihrem buchhalterischen Kompromiss zum Familiennachzug.

Monatlich tausend Frauen und Kinder wieder mit ihren Männern und Vätern zu vereinen, macht 12 000 pro Jahr. Besser als nichts. Aber für die Hälfte der schätzungsweise 60 000 Angehörigen, die nachziehen wollen, läuft dies auf drei bis fünf weitere Jahre Trennung heraus.

Unter ihnen vermute ich auch syrische Kriegsflüchtlinge, die ich im Herbst 2015 in Jordanien traf. Sie hatten es knapp über die Grenze in das staubige Städtchen Mafrak geschafft, wo sie in elenden Unterkünften hausten.

Zwei junge Familienväter wollten am nächsten Tag aufbrechen, erst in die Türkei, von dort rüber nach Europa, um irgendwo eine bessere Zukunft für ihre Liebsten aufzutun. Der Abschied fiel ihnen schwer. Aber noch weniger halte er aus, bekannte einer der Beiden, nicht mal die tägliche Milch für den zwei Monate alten Sohn bezahlen zu können.

Ich habe keine Ahnung, wie weit die Zwei, einfache Landwirte, gekommen sind. Vielleicht sind sie auf der Überfahrt ertrunken oder sitzen in einem Lager in Griechenland fest. Vielleicht haben sie es auch nach Deutschland geschafft und hadern mit ihrem Entschluss, so wie zigtausende Flüchtlinge, sich im Vertrauen auf „Mama Merkel“ auf die Reise ins Ungewisse begeben zu haben.

Zumindest ist der Deckmantel der Barmherzigkeit, der nun um die Regelung der großen Koalition gehüllt wird, so fadenscheinig, dass zunächst die Wenigsten Anlass zu neuer Hoffnung haben. Andere werden kapitulieren, um „freiwillig“ zu ihren Familien in Armut und Not zurückkehren. Wiedervereinigung im Krisengebiet. Womöglich schielen nicht nur in der CSU manche auf einen solchen Nebeneffekt? Wäre doch schön, wenn auch diese Kameraden im Radio öfters den Song „Mercy“ zu hören kriegen. Wie gesagt, ist ein Ohrwurm.

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