Kolumne

Muskelpakete mit Abzeichen

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Kleider mögen zwar Leute machen, doch sie ändern keine Gesinnung. Auch Uniformen nicht.

Eigentlich war ich beseelt. Halb sechs Uhr an einem wunderschönen, lauen Sommermorgen, die Sonne blinzelte auf den Bahnsteig, ich saß, sinnierte vor mich hin und wartete auf den Zug.

Zwei nette Tage hatte ich gehabt, viel Theater gesehen, gut gegessen und gut getrunken. Doch wie immer freute ich mich darauf, wieder aus Berlin wegzukommen. Geballtes Weltstadtflair ist halt für einen Frankfurter Provinzler nur in kleinen Dosen zu ertragen.

Alles hätte also fein sein können, wären da nicht diese drei Gestalten erschienen. Plötzlich waren sie da, aufgetaucht aus dem Garnichts kamen sie provokant auf mich zugeschlendert. Glattrasierte, knochige Schädel, kantige Konturen, groß und breit wie riesige, staksende Kommoden – mit ähnlich intelligenten Gesichtsausdrücken. Sie waren schwarz gekleidet, trugen schwere Stiefel, Lederjacken und Schlagstöcke und – das sah ich erst, als sie sich im Halbkreis vor mir aufgebaut hatten – Abzeichen der Bundespolizei.

Aus irgendwelchen Gründen glaubt ja sogar jemand wie ich tief drinnen immer an das Gute im Staat, zumindest in einer Demokratie. Deswegen verspürte ich leichte Anzeichen der Entwarnung in mir aufsteigen, die allerdings nur wenige Sekundenbruchteile währten. Dann war wieder Alarm. Denn änderten diese Embleme irgendetwas an meiner Situation?

Weit und breit niemand außer mir, umgeben von drei augenscheinlich gewaltbereiten Muskelpaketen, die mir offensichtlich nicht sonderlich wohlgesonnen waren? Auf mein freundliches „Guten Morgen“ zeigten sie jedenfalls keinerlei Regung, sondern stierten mich nur tumb an.

Da erst fiel mir wieder ein, dass man ja in Berlin mit Freundlichkeit noch nie weit gekommen ist. Also unterließ ich fortan diesen Unfug und glotzte sie auch so dumm an, wie es in meiner Macht stand. Wieder nichts. Meine Lage besserte sich keinen Deut. Ich weiß nicht, warum das so ist, doch schon immer erwecke ich in Personen, die im Staatsgebilde der Exekutive angehören, ein reflexartiges Misstrauen. „Es sind die Augen“, verriet mir mal auf Nachfrage ein freundlicher Beamter am Frankfurter Flughafen, „es sind Ihre Augen. Die sind so wachsam und stechend.“

Nun konnte ich mir aber an jenem frühen Morgen in Berlin beim besten Willen nicht vorstellen, dass meine Augen stechend waren, und schon gar mal nicht wachsam. Stechend war allenfalls mein Kopfschmerz, hatte ich doch die Nacht nahezu nahtlos durchgesoffen. Und die Zustandsbeschreibung „wach“ traf mit Sicherheit auf keine einzige Zelle meines Körpers zu,

Vielleicht war dies ja mein Glück. Vielleicht war es dieser jämmerliche Allgemeinzustand, der die drei Hünen veranlasste, von mir abzulassen und langsam weiterzuschlendern. Ich atmete erleichtert durch, stieg bald darauf in den Zug und verfiel in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst in Frankfurt wieder aufwachte. Hatte ich das in Berlin nur geträumt?

Nein, es war wahr und liegt nun einige Jahre zurück. Zum Glück gibt es solche Figuren bei der Frankfurter Polizei nicht, dachte ich mir damals. Mittlerweile habe ich die belegbare Gewissheit, dass dies nicht mehr so ist – sollte es jemals so gewesen sein. Denn Kleider mögen zwar Leute machen, doch sie ändern keine Gesinnung. Auch Uniformen nicht.

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