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Auf der Musik-Streaming-App Spotify lässt sich allerorts hören, was man will.

Spotify

Musikszene auf Streaming-Abwegen

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Der Streaming-Dienst Spotify ist erfolgreich, aber er verdient kein Geld. Das soll sich ändern. Dumm nur, dass dann die Musik immer mehr verarmt.

Eine Revolution, ein historisches Datum: Als Apple im Jahre 2001 sein iTunes auf den Markt brachte, rettete diese Software zum Kaufen und Ordnen von – damals vornehmlich – Musikdateien nicht nur die Plattenindustrie, sondern veränderte auch unsere Hörgewohnheiten.

Danach war alles anders. Denn der massenhafte Erfolg der Plattform zerstörte nicht weniger als das Album, also das von einem Künstler komponierte, nach seinen Vorstellungen zusammengesetzte Werk. Was einmal die unverrückbare Abfolge von Liedern auf einem physischen Tonträger wie der Schallplatte oder auch noch der CD war, löste sich unwiederbringlich auf.

Eigene Playlist statt komponiertes Album vom Künstler

Stattdessen konnte sich von nun an der Nutzer seine eigenen Playlists zusammenstellen. Das freie Belieben trat an die Stelle des künstlerischen Eigensinns und des Werkcharakters. Der persönliche, stets wechselnden Moden und Launen unterworfene Geschmack bestimmt seitdem unser Hören – ohne aufwendige Kopierexzesse wie noch bei Tonband oder Musikkassette. Mit iTunes feierte sich die Subjektivität des Hörers so unbeschwert und leichtfertig wie nie zuvor, die musikalische Selbstbestimmung war jetzt nur einen bequemen Klick entfernt.

Das ist wichtig zu wissen, um die Mission des schwedischen Streamingdienstes Spotify zu verstehen – auch seine Erfolgsaussichten nach dem New Yorker Börsengang vom Dienstag. Der Gründer Daniel Ek sieht das Unternehmen nämlich in der Nachfolge von iTunes: Ohne die Playlists, ohne den kongenialen Mix aus Entmaterialisierung und Subjektivierung des Musikkonsums gäbe es kein Spotify.

Allerdings ging Ek mit seinem 2006 gegründeten Dienst einen entscheidenden Schritt weiter. Bestand das Geschäft bei iTunes noch aus dem Kauf und dem – auf der Festplatte gespeicherten – Besitz einer Datei, so bietet das Streaming nur noch einen Zugang.

Spotify ist eine digitale Leihbibliothek für Lieder, eine überaus große allerdings mit 35 Millionen Titeln aus allen musikalischen Genres. Nicht nur große Konzerne wie Sony, EMI, Warner Music und Universal stellen ihre Klangbestände zur Verfügung, sondern auch zahlreiche kleinere Labels.

Lange Zeit war für den Zugang zu diesem Dienst ein Konto bei Facebook obligatorisch, weil, so die zweite Neuerung, die Nutzer ihre Songtitel und Playlists, also ihre musikalischen Vorlieben, über das soziale Netzwerk tauschen sollten. Erst 2009 wurde der Facebook-Zwang in Deutschland endlich abgeschafft.

Hören, teilen, Teil einer globalen Community werden

Die Mission aber ist geblieben: Höre und teile, werde Teil einer globalen Gemeinschaft, einer für dich prinzipiell kostenlosen, da werbefinanzierten Sharing-Economy.

Daniel Ek kann sich gut vorstellen, Spotify zu einer multimedialen, Musik und Videos umfassenden Plattform auszubauen, auf der sich die musikalischen Formate verändern und damit auch die Ästhetik der künstlerischen Produktion. Musiker würden dann, so Ek, ihr Werk der neuen Umgebung anpassen und deren technische Möglichkeiten voll ausschöpfen. Das sind hochfliegende, allemal selbstbewusste Visionen.

Viel wahrscheinlicher wird eine neue Spotify-Ästhetik allerdings aus anderen, eher ökonomischen Gründen entstehen. Denn mit seinen weltweit 159 Millionen Nutzern – davon rund 71 Millionen zahlenden Abo-Kunden – schreibt das Unternehmen immer noch rote Zahlen: 378 Millionen Dollar im vergangenen Jahr.

Für den Börsengang hat Firmenchef Ek deswegen Barry McCarthy als Finanzchef an Bord geholt, eben jenen Mann, der 2002 bereits Netflix, den heutigen Marktführer im Videostreaming, an die Börse brachte. Die Parallele ist offensichtlich: Bevor Netflix zum Inbegriff einer neuen Fernsehkultur wurde, war es hochdefizitär.

Entscheidend für Spotifys neue Musikkultur könnten nun die Pläne sein, mit denen McCarthy die Gewinnzone erreichen möchte: Er will andere Umsatzquellen erschließen, weil das bloße Abspielen eines Songs dem Unternehmen zu wenig Geld einbringt.

In der Tat, von jedem verdienten Dollar gehen mehr als 75 Cent an die Rechteinhaber. Doch Spotify besitze, so argumentiert McCarthy weiter, einen wertvollen Nutzerdatenschatz, und der könnte an Plattenfirmen, Konzertveranstalter oder Musiker verkauft werden.

Das liefe allerdings auf eine Echtzeitkontrolle über den kommerziellen Erfolg von Songtiteln, Playlists und damit auch von Konzertprogrammen hinaus, und das birgt in ästhetischer Hinsicht die Gefahr einer Unterwerfung der künstlerischen Produktion unter den Mainstream. Eine ästhetische Verarmung wäre die Folge.

Schrecklich, und dabei ist über den nicht zuletzt wegen der Beteiligung von Facebook fragwürdigen, da kaum gewährleisteten Datenschutz und die notorisch schlechte Bezahlung von Musikern bei Spotify noch nichts gesagt. Das käme zu dem Übel ja noch hinzu.

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