Kultur

Musik aus der Nische

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Eine erhellende Sammlung zum internationalen Pop.

Vierzig Autoren auf 392 Seiten. Jede Menge Quickies. Am Anfang steht, für den ignoranten Leser verblüffend, aber dann desto überzeugender, zum Beispiel der deutsch-russische Gelehrte Jakob von Stählin (1709–1785), der zum ersten Mal den Begriff „Volksmusik“ benutzte.

Vor allem aber entfalten die Beiträge des Bandes das weite Panorama der aktuellen Situation: Sitar und Reggae, J-Pop, Klezmer und Samba. Aber die Herausgeber sind Soziologen. Also richten sie ihre Blicke nicht nur auf Künstler und Musikstile. Sie sorgen auch für einen Blick auf die Institutionen, auf Labels und Festivals, auf Sponsoren und Märkte. Claus Leggewie beschreibt zum Beispiel die Geschichte der Versuche, Weltmusik zu archivieren vom 16. Jahrhundert über Johann Gottfried Herder bis heute. Das ist natürlich sehr summarisch, aber so gelingt es dem Reader, jede Menge Überblick zu verschaffen. Über Länder und Kulturen, Zeiten Genussrichtungen hinweg.

Es ist ein animierendes Buch. Viele werden Dinge darin entdecken, die sie noch nie gehört haben, und sie werden nicht nur den musikalischen Anregungen, sondern auch den bibliografischen nachgehen. Ich habe mir zum Beispiel schon bestellt: „Sonic Warfare: Sound, Affect, and the Ecology of Fear“ von Steve Goodman.

Es ist komplett ungerecht, sich einen Artikel herauszugreifen, aber unbedingt lesen sollte man die zehn Seiten, die „taz“-Redakteur Daniel Bax zu „Weltmusik als Markt und Marke“ geschrieben hat. Es ist unfassbar, wie viele Namen er unterbringt in diesem knappen Überblick, wie geschickt er sie gruppiert. Und wie viele Einblicke er nebenbei produziert. Wahrscheinlich ist für den Kenner kein Satz neu. Aber nehmen Sie Sätze wie diese: „Das Frankfurter Label Network Medien war ein Pionier. Als alternative Medienkooperative 1979 gegründet, um politische Themen jener Zeit aufzugreifen, sollte ‚Musik aus fernen Kulturen‘ mit der Zeit zum zentralen Inhalt des Programms werden.“

Für Kenner jener Zeit – 1979 wurde in Westberlin die „taz“ gegründet – steckt darin ein Stück Geschichte der Alternativbewegung, ein Seitenblick darauf, dass nicht nur die DDR, sondern auch die BRD eine Nischengesellschaft war. Dass jede Gesellschaft eine ist und dass man nie weiß, von welcher Nische aus die Zukunft erschlossen wird.

Der Band zeigt, wie aus den Nischen der unterschiedlichsten Kulturen die Nische Weltmusik hervorging, die immer wieder – mal in dieser, mal in jener Gestalt – aus der Nische hervortritt und den Weltmarkt bestimmt.

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