Kolumne

Multikulti in der Pflege: Heilende Vielfalt

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Wer behandelt die Kranken? Wer rettet in unseren Kliniken Leben? Ob in Israel oder Deutschland: Oft sind es dieselben, mit denen wir sonst nichts zu tun haben wollen.

Es war im vergangenen September, an einem Samstagabend nach Ende des Sabbats. Ein Freund hatte plötzlich Herzbeschwerden. Ich fuhr zur moralischen Verstärkung mit ins Shaare Zedek, eines der großen Krankenhäuser in Jerusalem. In der Notaufnahme herrschte Hochbetrieb, wie stets nach Feiertagen. Alle hockten sie dort in seltener Eintracht beieinander, Israelis und Palästinenser, Juden, Moslems, Christen – ein gesellschaftliches Kaleidoskop, das sich nach jedem Aufruf einer Wartenummer neu sortierte.

Fromme murmelten Gebete, andere traktierten ihre Handys. Dazwischen die schrillen Töne der Computerspiele, mit denen sich manche die Zeit vertrieben. Eine bizarre Geräuschkulisse, an der sich niemand zu stören schien. Jeder war nur darauf erpicht, einen „Gott in Weiß“ (oder hellgrünem Kittel) zu sehen, egal ob der oder die nun Kippa oder Kopftuch trug.

Heutzutage kommt keiner mehr in eine Notaufnahme hinein ohne Maske und Fiebermessen. Eingangskontrollen ähneln denen zu Hochsicherheitsanlagen. Die Mischpoke, die früher zum Händchenhalten anrückte, zieht es eh vor, aus Angst vor Virenschleudern daheim zu bleiben. Applaus für die an der Corona-Front stehenden Ärzt*innen und Pflegekräfte wird lieber vom Balkon gespendet.

Zum Glück spricht sich allmählich herum, dass ihre heldenhafte Leistung einer ziemlich multikulturellen Belegschaft zu verdanken ist. In Israel gehört jede vierte Pflegekraft zur arabischen Minderheit, die damit weit über Durchschnitt in der Patientenversorgung vertreten ist. Von der Ärzteschaft sind immerhin noch 13 Prozent Araber mit israelischem Pass. Ihre Heilkunst genießt einen besonders guten Ruf.

Auch das deutsche Gesundheitswesen würde ohne den Einsatz jener, die mit anderer Muttersprache aufgewachsen sind, zusammenbrechen. Die meisten kommen aus der EU, aber auch aus Afrika und Asien, dem Nahen und dem Fernen Osten.

Wer mal im Krankenzimmer lag, weiß ihre Wohltaten zu schätzen. Angesichts der allgegenwärtigen Bedrohung namens Covid-19 dringt dies auch ins gesamtgesellschaftliche Bewusstsein vor. Zumindest singen israelische Politiker inzwischen ein Loblied auf das arabische Klinikpersonal – in schöner Dissonanz zu ihren noch im Wahlkampf zu hörenden Gelöbnissen, auf keinen Fall mit den Arabern koalieren zu wollen.

Nicht wenigen Israelis dämmert, dass sich in ihrem Verhältnis zur nichtjüdischen Minorität etwas ändern muss. Sich von deren medizinischen Fachkräften das Leben retten zu lassen, Araber ansonsten aber weiter als Bürger zweiter Klasse zu behandeln, geht schlecht zusammen. Dass israelische Behörden eine Corona-Teststation in Ost-Jerusalem schließen ließen, nur weil die von palästinensischen Aktivisten initiiert worden war, wirkt ebenfalls wie aus der Zeit gefallen.

Wir Deutsche sollten uns da freilich an die eigene Nase fassen. Ausländische Krankenschwestern und Pfleger sind uns hochwillkommen, Flüchtlinge nicht. Es sei denn, sie schuften, wie derzeit mehr als tausend syrische Ärzte, in deutschen Intensivstationen. Wobei weitere, in ihrer alten Heimat medizinisch ausgebildete Asylsuchende seit langem auf ihre Zulassung warten.

Erstmals haben wir einen gemeinsamen Feind, also lasst ihn uns gemeinsam bekämpfen. Multikulturell, multinational. Die Krankenhäuser machen seit Jahrzehnten vor, wie das funktioniert. Die Politik hinkt trotz bitterer Covid-19-Lektion noch hinterher.

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