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Pressezeichnung des Anschlags von Sarajevo.
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Pressezeichnung des Anschlags von Sarajevo.

Erster Weltkrieg Leitartikel

Multiethnische Zukunft

  • Norbert Mappes-Niediek
    VonNorbert Mappes-Niediek
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Vorbei sein wird der Erste Weltkrieg erst dann, wenn wir Europäer uns nicht mehr zwischen einem Gavrilo Princip und einem Franz Ferdinand entscheiden müssen. Das heutige Europa muss sich selbst verstehen lernen.

War es Terrorismus oder Tyrannenmord? Wäre der Gymnasiast aus Bosnien, der vor 100 Jahren den österreichischen Thronfolger erschoss, heute bei Al-Kaida oder bei Attac? Ganze Festmeter an historischer Literatur sind im vergangenen Jahr zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs erschienen. Aber über die Figur des jungen Mannes, der ihn mit seinen Todesschüssen auslöste, gehen die Meinungen noch immer genauso durcheinander wie vor 100 Jahren. Kein Wunder: Für ein sicheres Urteil über Gavrilo Princip müsste das heutige Europa sich erst einmal selbst verstehen lernen.

So umstritten wie das Attentat von Sarajevo ist auch heute noch – und gerade wieder – das Reich, das damit getroffen wurde. Noch Jahrzehnte nach seinem Untergang war Österreich-Ungarn mit seinem backenbärtigen Kaiser für die Nachwelt ein Überbleibsel aus einer längst vergangenen Epoche, interessant höchstens als Kulisse für Sissi-Filme. Das änderte sich nach 1990. Plötzlich erschien das verzopfte Kaiserreich vielen als „Vielvölkerstaat“ und damit als – leider geschleiftes – Bollwerk gegen den Nationalismus, der im 20. Jahrhundert so viel Leid über den Kontinent gebracht hatte.

Die Wende in der Sicht auf die Donaumonarchie fiel zusammen mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, der den Blick auf die Opernhäuser und Synagogen von Lemberg und Czernowitz, Pécs und Zagreb wieder freigab. Gleichzeitig entstand nach dem Vertrag von Maastricht das vereinte Europa, und die westeuropäischen Nationen begannen zu begreifen, dass sie in Einwanderungsländern lebten. Zwei Fragen standen damit wieder auf der Tagesordnung: Wie regiert man eine komplizierte Föderation aus vielen grundverschiedenen Bestandteilen? Und wie kommen Menschen mit unterschiedlichen Sprachen und Traditionen miteinander aus?

Auf der Suche nach Antworten blieb der Blick auch beim untergegangenen Vielvölkerstaat hängen. Hatten dort nicht Toleranz und föderativer Geist geherrscht, Tugenden, die man jetzt wieder brauchte? Tatsächlich hatte die K.-u.-k.-Armee muslimische Militärseelsorger. Jedes Kind bekam Schulunterricht in seiner Muttersprache, und die Juden waren – nach den Worten eines bekannten Wiener Rabbiners – als Volk ohne Territorium sogar „das eigentliche Staatsvolk der Monarchie“.

Als im Jahr 2004 auf einen Schlag zehn Staaten der Europäischen Union beitraten, nannte man das in Wien die „Wiedervereinigung Europas“. In Österreich-Ungarn, sollte das heißen, sei der Kontinent schon einmal glücklich vereinigt gewesen. Und aus Gavrilo Princip, dem Freiheitskämpfer gegen das „Völkergefängnis“ Österreich-Ungarn, wurde posthum der fanatische Nationalist, der Europa in den Untergang geführt hatte.

Aber der nationale Impuls hinter dem Mord an Franz Ferdinand war eben viel mehr als Imperialismus und „ethnische Säuberung“. Der heute wieder gepriesene Vielvölkerstaat hatte sich als unvereinbar erwiesen mit den Ideen der Demokratie und der Volkssouveränität. Politik war dort nicht das Ringen um die beste Lösung, sondern das ewige Tauziehen zwischen festgefügten nationalen Gruppen um Posten, Einfluss, Ressourcen. Und selbst die behauptete „Gleichheit der Nationen“ blieb eine Illusion. Manche – die Deutschen, dann auch die Ungarn – waren reicher und damit auch gleicher, und Bosnien-Herzegowina wurde wie eine Kolonie von außen regiert.

Im Grundsatz steckt unsere moderne Europäische Union – als die multinationale Föderation, zu der sie de facto geworden ist – in genau demselben Zwiespalt wie einst das Habsburgerreich. Solange es kein europäisches Staatsvolk gibt, kann sie nicht wirklich demokratisch entscheiden. Ringt sie sich trotzdem zu Mehrheitsbeschlüssen durch, so macht sie die Nationen zu Parteien – und führt sie damit gegen einander. Die schockierenden Ergebnisse der Europa-Wahl im Mai, gerade in den alten Demokratien im Westen des Kontinents, verdanken sich nicht bloß hässlichem Wohlstandschauvinismus. Wenigstens der Triumph des Nigel Farage in Großbritannien hat auch mit dem Unbehagen an der Konstruktion Europas zu tun.

Wenn die Europäische Union des 21. Jahrhunderts eine Zukunft haben soll, darf sie sich um die demokratische Legitimation nicht länger herummogeln: Das ist die Lehre aus der anhaltenden Verwirrung um das Attentat vor 100 Jahren. Weder der Vielvölkerstaat noch die „ethnischen“ Nationen, die aus ihm hervorgingen, bieten für das Dilemma von Vielfalt und Demokratie den Ausweg; das kann nur ein multiethnisches Staatswesen, wo jeder Einzelne unabhängig von seiner Sprache und seiner Herkunft die gleichen Rechte hat. Dass man trotzdem gemeinsam mit Mehrheit entscheiden kann, machen Nationen wie die USA, die Schweiz und Indien Tag für Tag vor.

Endgültig vorbei ist der Erste Weltkrieg erst, wenn wir Europäer uns zwischen einem Gavrilo Princip und einem Franz Ferdinand nicht mehr entscheiden müssen.

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