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Jens Jessen - „Im falschen Bett“

Müd' und totgetanzt

  • Christian Bommarius
    VonChristian Bommarius
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Es ist die verrückteste, böseste, gebildetste, witzigste, sprühendste Satire, die seit langer Zeit in deutscher Sprache erschienen ist – und sie liest sich, als hätten Honoré de Balzac, Thomas Mann und Max Goldt gemeinsam daran geschrieben: „Im falschen Bett“

Vor einiger Zeit kamen Honoré de Balzac, Thomas Mann und Max Goldt bei einem Dichterstammtisch miteinander ins Gespräch. Sie erörterten die Frage, ob und wie eine „Comédie Humaine“ der Gegenwart, am Beispiel der deutschen Gesellschaft, gelingen könne. „Sie müsste in München spielen, Anfang der 90er Jahre“, rief Balzac, „Dreck schwimmt immer oben, aber niemals munterer als in Zeiten, in denen die Geschichte zu rotieren beginnt.“

„München, ausgezeichnet“, meldete sich Thomas Mann zu Wort, „zu zeigen wäre hier der Verrat des Bürgers an sich selbst, sein Versuch, sich moralisch und intellektuell im Rinnstein zu mästen, ohne Hut und Mantel abzulegen.“ „Ihr Herren, dann kommt“, warf nun endlich Max Goldt höflich in die Debatte, „als Hauptfigur selbstverständlich nur ein Fernsehproduzent in Frage, niveauloses Schwein, immerwährende Suhlbereitschaft plus temporäre Erlösungssehnsucht.“

Als der Abend unter diesen munteren Worten zu Ende ging, war der Roman, der natürlich nichts anderes als eine Satire werden konnte, beschlossene Sache. Und wenige Monate später, im Juli 2012, liegt er tatsächlich auf den Tischen der Buchhandlungen. Er heißt „Im falschen Bett“ und ist die verrückteste, böseste, gebildetste, witzigste, sprühendste Satire, die seit langer Zeit in deutscher Sprache erschienen ist. Wir wissen, dass sie von Balzac, Mann und Goldt geschrieben wurde. Aber der Hanser-Verlag besteht darauf, als Autor Jens Jessen zu bezeichnen. Jessen war früher unter anderem Chef des Feuilletons der Berliner Zeitung und ist es heute bei der Zeit.

Wie jeder gute Satiriker empfindet Jessen im Innersten altmodisch und moralisch (was so ziemlich dasselbe ist). Aber als exquisiter Satiriker weiß er genau, dass es die Vergangenheit, in deren Namen er die Gegenwart verurteilt, nie gegeben hat, und die einzige Form, den Zumutungen der Gegenwart wirksam zu begegnen, das Gelächter ist. Jessen klagt die stupende Dummheit des Fernsehens, die Rücksichts- und Erbarmungslosigkeit der Gesellschaft nicht an, er zeigt sie – das genügt, um sie zum Gespött zu machen. Die Münchner Society – nichts anderes als die sogenannte bundesdeutsche Oberschicht unterm Brennglas – tanzt bei Jessen auf einem längst erloschenen Vulkan, in dessen Schlund die müd’ und tot getanzten Opfer stürzen.

Zum Ende hin wird auf den 223?Seiten viel gestorben, zumeist im Abseits und ganz ohne Worte. Und wie es sich für große Satire gehört, muss schließlich auch das famose Schwein, der Filmproduzent („der Bonze“), verröcheln, jedoch nur, um seine Auferstehung zu erleben.

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