Lager wie Moria wurden und werden ungeachtet des Leids der Menschen aufrechterhalten.
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Lager wie Moria wurden und werden ungeachtet des Leids der Menschen aufrechterhalten.

Kolumne

Moria auf Lesbos: Das hässliche Gesicht der EU

  • vonHadija Haruna-Oelker
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Im Elend der Menschen auf Lesbos spiegelt sich das Versagen des reichen Nordens.

Moria ist abgebrannt. Wen wundert das? Wer die Öffentlichkeit aussperrt, Schutzsuchende einsperrt und sie dem Coronavirus überlässt, hat die Erklärung.

Die akute humanitäre Katastrophe an den europäischen Außengrenzen hatte keine Sommerpause. Das Camp war seit mehreren Monaten im Lockdown sich selbst überlassen mit Tausenden Menschen, die praktisch aufeinander lagen. Mit schlechtem Trinkwasser, unzureichender medizinischer Versorgung und Kindern, die sich aus Verzweiflung das Leben nehmen. Für ihre Lage interessierten sich nur die Üblichen. Keine große Prominenz, die fragte, warum es dort so ist, wie es ist. Kein Europa, das sie evakuieren wollte, statt nur zuzusehen.

Moria: Der Auslöser der Katastrophe ist Brüssel

Der Vorlauf dieser Katastrophe liegt in der Pandemie, ihr Auslöser in Brüssel. Die EU hat in Moria wieder einmal ihr hässliches Gesicht gezeigt. Lenken wir den Blick deshalb bitte aufs Wesentliche. Es geht nicht darum, wer das Feuer gelegt hat oder ob man nun mehr Mitgefühl mit den Geflüchteten oder den griechischen Inselbewohnern haben sollte. Es geht darum, wer jetzt die Verantwortung dafür übernimmt, dass dieser Brand ein europäischer ist.

Es gilt, auf pietätlose und angstschürende Botschaften wie „Kettenreaktion“ zu verzichten, mit denen zum Beispiel Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg davor warnte, dass das Lager durch eine Verteilung bald wieder voll wäre. Wenn über Menschen wie Vieh geredet wird, ist es kein Wunder, dass echtes Mitgefühl von persönlichem Ehrgeiz, Ignoranz und Bequemlichkeit derjenigen, die satt und zufrieden sind, überdeckt wird.

Moria: Die Bilder dienen der Abschreckung

Lager wie Moria wurden und werden ungeachtet des Leids der Menschen aufrechterhalten. Die EU hat es sich seit 2015 einiges kosten lassen, um bloß kein positives Signal an noch mehr Schutzsuchende zu senden. Sie wollte diese Bilder von Moria zur Abschreckung, damit niemand Europa zu nahe kommt. Und so ist das Konzept der Hotspots und der fairen Verteilung gescheitert, ohne je wirklich umgesetzt worden zu sein. Mit Humanität ist nix in Zeiten von Corona, und davor übrigens auch nicht.

Aber: Wehe, jetzt nimmt jemand das Wort Rassismus in den Mund. Nur mal ehrlich, würden EU-Bürger so behandelt werden? Die Flüchtenden gen Norden zeigen, dass Versklavung und Kolonialismus nicht nur historische Fußnoten, sondern eine geerbte Realität sind. Die Wissenschaft hat der Forschung zu den Geflüchteten im Mittelmeer sogar einen Begriff vermacht: Black Mediterranean, Schwarzes Mittelmeer. Es gibt einen Grund, warum der Slogan „Rassismus tötet von Hanau bis Moria“ sich inzwischen verbreitet.

Moria: Unsere eigene Geschichte schlägt zurück

Menschen werden kommen, solange sich die Rahmenbedingungen nicht verändert haben und solange wir nichts von unserem großen Kuchen abgeben, den bereits unsere Vorgenerationen in der westlichen Hemisphäre sich angefressen haben. „We are here because you where there“, lautet ein alter Slogan aus der Migrant*innenbewegung.

Unsere eigene Geschichte schlägt zurück, und ihr entwächst auch eine Verpflichtung. Die Frage ist: Wie kann ein gerechter Verteilungsschlüssel aussehen, den alle europäischen Länder unterstützen? Vielleicht braucht es dafür nicht alle, sondern die Willigen, die helfen wollten und das jetzt auch endlich tun müssten.

Stattdessen wieder die alte Leier der Suche nach einer europäischen Lösung. Aber was heißt das? Es bedeutet, dass nicht das Leid oder der Tod dieser Menschen als das Problem gesehen wird, sondern diese Menschen im eigenen Land aufnehmen zu müssen. Und deshalb gibt es jetzt auch wieder diese unwürdigen Zahlenspiele. Ich nehme 200, 2000, 5000. 400 von 12 000 aufgeteilt auf zehn. Wow, was für eine Auktion. (Von Hadija Haruna-Oelker)

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