Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Polizei patrouilliert zwischen brennenden Häusern in London.
+
Die Polizei patrouilliert zwischen brennenden Häusern in London.

Gastbeitrag zu den Krawallen in Großbritannien

Moralische Auszeit

Für die einen sind die Unruhen in England ein Zeichen von Verwahrlosung, für die anderen von sozialen Missständen. Beides ist zu einfach und politisch motiviert.

Von Eddie Hartmann

Die gewaltsamen Ausschreitungen in Großbritannien scheinen vorerst vorüber. Der Streit um die richtige Auslegung der Geschehnisse hat aber mit der Rede von David Cameron vergangene Woche erst richtig Fahrt aufgenommen. Darin verweist der britische Premier auf eine Art moralischen Verfall der Gesellschaft: Kulturelle Verwahrlosung, Egoismus und Verantwortungslosigkeit in einer „kaputten Gesellschaft“ seien die Ursachen für die jüngsten Ausschreitungen. Doch helfen solche Erklärungen wirklich weiter, um die Ereignisse in Großbritannien zu verstehen?

Die Erklärungskraft einer kollektiven Pathologisierung, wie Cameron sie liefert, scheint äußerst fraglich. Sie entspringt einem ideologischen Reflex, der sich in politischen Deutungskämpfen dieser Art immer wieder beobachten lässt und der einem bekannten Muster folgt. Die ideologische Frontlinie verläuft dabei in der Regel zwischen der politischen Diskreditierung der Gewaltakteure einerseits und deren politischer Rehabilitierung andererseits. Dieses Muster zeigten auch die Reaktionen auf die brennenden französischen Vorstädte, als das ganze Land im Herbst 2005 von sozialen Unruhen erfasst wurde.

Die Diskreditierung der Gewaltakteure als kriminelle Krawallmacher spricht ihnen jedwede politische Motivlage ab. Die üblichen Forderungen aus diesem Lager lauten daher: mehr soziale Kontrolle und Repression. Der wohl berühmteste Diskreditierungsversuch stammt von Nicolas Sarkozy, der damals als französischer Innenminister Schlagzeilen machte, als er die Unruhestifter als „racaille“ bezeichnete – was sich am treffendsten mit Gesindel übersetzen ließe. Auf der anderen Seite des ideologischen Grabens stehen Bemühungen, die an den Unruhen Beteiligten politisch zu rehabilitieren und ihr Gewalthandeln als soziale Revolte darzustellen. Ursache dieser Krise sei ein ungebremster Kapitalismus. Perspektivlosigkeit, Armut und soziale Haltlosigkeit haben demnach den idealen Nährboden für irrationales Wuthandeln bereitet.

Starker Ritualcharakter

Wer jedoch wirklich verstehen will, welche sozialen Mechanismen hinter derartigen Gewaltphänomenen stecken, ist gut beraten, sowohl die Gesindel- als auch die Krisenthese als das zu lesen, was sie sind: politisch motivierte Deutungsangebote. Kollektive Gewaltdynamiken sind komplexer, weil äußerst situationsabhängig. Und es käme einem kausalen Kurzschluss gleich, führte man eine so voraussetzungsvolle Handlungsdynamik unmittelbar auf beklagenswerte soziale Lebenslagen zurück. Ebenso problematisch sind voreilige Analogieschlüsse, wie sie in diesen Tagen gerne zwischen Großbritannien und Frankreich gezogen werden. Die Gewaltdynamiken in beiden Ländern sind unterschiedlicher Natur.

In Frankreich müssen die kollektiven Gewaltausbrüche im Kontext eines dauerhaften gesellschaftlichen Konflikts gelesen werden, der einen starken Ritualcharakter besitzt. Dieser schwelende Dauerclinch produziert aufseiten der Banlieue-Jugend eine antagonistisch aufgeladene Wir/Sie-Grenze, die sich dann in außeralltäglichen Konfliktphasen schlagartig auch über den harten Kern der Vorstadtjugendlichen hinaus aktivieren lässt. Dies ist der entscheidende Mechanismus der Gewalt in den französischen Vororten. Die Wir/Sie-Grenze ist dabei selbst als Produkt einer unterdrückten Stellung zu verstehen, die diese Jugendlichen in der Gesellschaft einnehmen.

Freilich werden auch die britischen Gewaltakteure zu einem erheblichen Anteil marginalisierten Gruppen angehören, deren Stellung in der Gesellschaft mit folgenschweren Erfahrungen der Ausschließung einhergeht. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass die Gewalt diffuser und die Mechanismen der Gruppenbildung hinter der kollektiven Gewalt andere waren.

Moralische Auszeit

So verweisen die britischen Plünderungen eher auf eine Form von „moral holidays“: eine moralische Auszeit, in der eine diffuse Menschenmasse ein temporäres Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt, während der Einzelne den Schutz dieser Masse genießt und sich zu Handlungen ermutigt fühlt, die normalerweise verboten sind.

Man sollte die Eigendynamik nicht unterschätzen, die ein solcher Ausbruch aus den gesellschaftlichen Zwängen der alltäglichen sozialen Kontrolle vorübergehend entfalten kann. Dahinter steckt jedoch keine kollektive Pathologie, sondern vielmehr eine kollektive Handlungsdynamik, die für kurze Zeit viele Menschen in ihren Bann zieht. Ist die „Normalität“ erst einmal wieder hergestellt, ist auch die Dynamik dahin und die Unruhen lassen sich nicht ohne weiteres wieder entfachen, selbst wenn man wollte. Und hätte es in den vergangenen drei Wochen kräftig geregnet, wäre es vielleicht gar nicht erst zu den Ausschreitungen gekommen. All dies ändert jedoch nichts daran, dass der moderne Kapitalismus durch gravierende soziale Missstände die Bedingungen für Gewaltdynamiken begünstigt.

Eddie Hartmann lehrt Soziologie in Potsdam. Vor Kurzem erschien sein Buch „Strategien des Gegenhandelns“ (UVK) über den Konflikt in Frankreichs Banlieues.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare