Kolumne

Moderne Entdecker

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Wir haben die Erde millimetergenau vermessen. Und nun? Unsere Gier nach Wissen treibt uns weiter an.

Wir stecken noch in den Windeln, aber krabbeln schon gierig durch unsere kleine Welt. Mal gucken. Mal fühlen. Mal riechen. Mal schmecken. Der Mensch, ab Werk ein getriebener Entdecker eben. In jeden Winkel der Erde können und wollen wir gucken. Was vor Urzeiten mit dem Auszug des Menschen aus Afrika begann, das führten moderne Eroberer weiter.

Christoph Columbus segelte auf gut Glück mal über den Atlantik und strandete in Amerika, Roald Amundsen betrat als erster Mensch den Südpol, Neil Armstrong stolperte über den staubigen Mond. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit.“ Damals war er ein bisschen außer Atem, aber klar, war ja auch eine lange Anreise und null Luft da oben. Aber das ist Geschichte.

Auf unserem Planeten gibt es kaum noch weiße Flecken (für die jüngeren Leser: so nannte man früher unentdeckte Gebiete). Moderne Entdecker sind heute Leute wie Ed Stafford. Der Brite wanderte als erster Mensch den gesamten Amazonas entlang. 9000 Kilometer. Aber die Zerstörung der Urwälder hat er leider nicht aufhalten können. Kürzlich wählten die Leser von National Geographic den Polen Aleksander Doba zum Entdecker des Jahres 2015. Der war 67-jährig allein über den Atlantik gepaddelt, über Zehn-Meter-Wellen hinweg und durchs Bermuda Dreieck. Für den US-Abenteurer und Umweltschützer Eric Larsen liegt das Geheimnis heutiger Entdeckungen eben nicht mehr in dem „Ich hab’s gemacht“-Triumph. „Viel wichtiger ist, wie ich es gemacht habe“, sagte er kürzlich im American Museum of Natural History in New York, in das der exklusive Explorers Club zum jährlichen Dinner geladen hatte. Genau. Larsen ist nämlich mit dem Fahrrad zum Nordpol gefahren. Eine prima Idee, um den US-Amerikanern mal die glühend heißen Klimaohren zu waschen.

Aber mit welchem Wasser? In Kalifornien kann man das derzeit vergessen. Larsen musste sich ohnehin sputen, denn der Klimawandel hat den polaren Eisschild bald endgültig zu Wasser getaut. Vor hundert Jahren war Teddy Roosevelt dem Explorers Club beigetreten. Als Robin Williams ist er erst im Dezember wieder über die Kinoleinwände und durchs Museum galoppiert. Der Explorer Club-Präsident Alan H. Nichols hatte die originelle Idee, einen als Teddy verkleideten Schauspieler in Safari-Montur zwischen die Gäste zu platzieren. Superwitzig. „Das goldene Zeitalter der Entdeckungen ist – heute!“, rief er fröhlich in die Runde.

Wir haben die Erde millimetergenau vermessen, entdecken können wir jetzt nur noch das, was wir ihr in unserer unersättlichen Gier nehmen wollen. Die technischen Möglichkeiten dazu haben wir, anders als der alte Columbus und seine Kumpanen. Obwohl auch die schon ganz schön hingelangt haben. Heute liefern uns Teleskope Bilder aus den Frühzeiten des Universums samt unzähligen Galaxien; Sonden erkunden die Planeten und Monde im Sonnensystem. Und am Ostersonntag wurde die Weltmaschine wieder angeworfen. Im mächtigsten Teilchenbeschleuniger der Erde am Europäischen Kernforschungszentrum Cern bei Genf wird der Urknall im Labor wiederholt. Bald rasen Wasserstoffkerne mit doppelter Energie durch die 27 Kilometer lange Röhre. Was werden die Physiker damit entdecken? Dunkle Materie? Klingt spannend, aber auch irgendwie verstörend. Aber ich will’s wissen.

Karl-Heinz Karisch ist Autor.

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