Gastbeitrag

Mobilität neu denken und gestalten

Statt über Diesel-Fahrverbote zu diskutieren, sollte die Verkehrswende gestaltet werden. Vor allem der Nahverkehr gehört reformiert.

Die deutschen Städte erleben bald eine Mobilitätsrevolution. Eine Stadt nach der anderen verhängt nach Gerichtsurteilen Fahrverbote für ältere Diesel-Fahrzeuge. Autofreien Innenstädten gehört die Zukunft. Im neuen Berliner Mobilitätsgesetz findet das Auto als Verkehrsmittel kaum noch statt. Stuttgart will seine Innenstadt bald „autofrei“ machen. Europäische Städte wie Kopenhagen, Wien, Zürich und Málaga machen es längst vor. Dort ist die Transformation einer smarten Mobilität gelungen – mit den Bürgern und nicht gegen sie.

Das Umweltbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger steigt. Drei Viertel der Deutschen fühlen sich heute in den Städten durch Autoabgase belästigt. Die Städter wollen eine neue Mobilität: bequem, günstig, schnell und sauber. Es geht ihnen nicht um Ideologie, sondern um eine bessere Lebensqualität. Das Auto, lange Zeit ein Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit und des sozialen Status, hat seine Vormachtstellung in den Städten verloren, weil es seine eigentliche Funktion immer weniger erfüllt: Angenehm und schnell von A nach B zu kommen gelingt mit ihm angesichts überfüllter Straßen und knapper Parkmöglichkeiten immer weniger.

Für Städte und ihre Verkehrsverbünde verheißt der Trend eigentlich goldene Zeiten. Doch der Anteil der Busse und Bahnen am öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) beträgt heute nur 13 Prozent. Der Marktanteil des ÖPNV könnte nach Ansicht von Experten bis 2030 um fast ein Drittel wachsen. Aber warum nur um ein Drittel?

In der Schweiz fahren fast 60 Prozent mit Bus und Bahnen. Der dortige ÖPNV ist attraktiv und hat einen hervorragenden Ruf. In Österreich ist Wien weiter als sämtliche deutsche Städte. Die Metropole verfolgt eine klare Strategie hin zu einem menschen- und umweltgerechten Verkehr. Dazu zählt die Priorisierung öffentlicher Verkehre und des Fußgänger- und Radverkehrs. Wien fördert die neuen Mobilitätskulturen mit Hilfe digitaler Technologien und setzt auf Tür-zu-Tür-Modelle und Konzepte für die städtische Logistik. Der Marktanteil des öffentlichen Verkehrs beträgt in der österreichischen Hauptstadt fast 40 Prozent.

Dem deutschen ÖPNV und seinen Befürwortern in der Politik fehlt es dagegen an einer Vision und einer Strategie für die künftige Mobilität. Dabei kann der ÖPNV zum wichtigsten Mobilitätsplayer werden, wenn er sich als „Individueller Öffentlicher Verkehr“ (IÖV) definiert und dabei auf die Megatrends Individualisierung, urbanes Lebensgefühl und Digitalisierung setzt.

Voraussetzung ist ein offener Mobilitätsmarkt. Marktneulinge wie Car- und Ride-Sharing, Uber, autonome Fahrsysteme wie Mytaxi und bald auch Flugtaxis sind keine Konkurrenten, sondern Mitstreiter einer neuen urbanen und digitalen Mobilität.

In Helsinki müssen seit diesem Jahr alle Unternehmen aus dem Verkehrssektor ihre Daten veröffentlichen. Taxiunternehmen, Bahn, Häfen und Bahnhöfe stellen ihre Daten zu Fahrplänen, Tarifen und Leistungen ins Internet. Die kollektive künstliche Intelligenz soll den Verkehr in Zukunft verbessern. Der digitale Deal: Alle steuern ihre Daten bei, und die Städte und die Unternehmen entwickeln daraus optimale Services.

Die große Koalition will bis 2022 mehr Geld in den öffentlichen Nahverkehr investieren. Die Mittel werden auf eine Milliarde Euro verdreifacht. Das klingt viel, ist aber angesichts der anstehenden digitalen Transformation zu wenig. Allein der Ausbau der in vielen Städten überalteten Infrastruktur wird mehr Geld kosten.

In den Städten und Ballungsräumen müssen die Takte verdichtet und zusätzliche Angebote geschaffen werden. Beim Radverkehr ist Deutschland ein Entwicklungsland. Für den ländlichen Raum braucht es flexible, verlässliche und individuelle Geschäftsmodelle. Tarifsysteme und Ticketvertrieb sind zu kompliziert und kaum untereinander vernetzt.

Gemessen an den Zahlen sind die Verkehrsverbünde in Deutschland eine Macht. Pro Jahr kommt der öffentliche Nahverkehr auf über zehn Milliarden Fahrten – mehr als die gesamte Weltbevölkerung. Der Wert der damit verbundenen Nutzerdaten wird in Zeiten von Big Data und künstlicher Intelligenz in Zukunft enorm steigen.

Die deutschen Städte und ihre Verkehrsverbünde müssen rasch innovative Antworten finden, wenn sie in Zukunft noch relevant sein wollen. Sie werden ihr regionales Besitzstandsdenken aufgeben und ihre Dienstleistungen konsequenter an den wachsenden Mobilitätsbedürfnissen der Kunden ausrichten müssen. Aus ÖPNV und individuellem (Auto-)Verkehr wird ein individueller öffentlicher und nachhaltiger Massenverkehr, ein IÖPNV. Seine Visionen sind Staufreiheit, null Emissionen und mehr Komfort und Lebensqualität für alle.

Daniel Dettling leitet das Berliner Büro des Zukunftsinstituts (www.zukunftsinstitut.de).

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare