Zum 9. Oktober

Der Mitmach-Osten

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Vor 30 Jahren fand in Leipzig die Demo statt, die die Wende einleitete. Heute haben alle Deutschen dieselben Rechte. Sie sollten sich darauf besinnen, sie auch zu nutzen. Der Leitartikel.

Der ehemalige DDR-Dissident Werner Schulz war am Montag in der sächsischen Stadt Plauen – einem der Geburtsorte der friedlichen Revolution vor 30 Jahren. Und er hat dort ein paar ebenso schlichte wie wahre Sätze gesagt. Zum Beispiel: „Andere würden sich die Probleme wünschen, die wir haben.“

Der Satz von Schulz, der nach der Wende zum Grünen-Politiker wurde, ist – wenn man sich in der Welt so umschaut – eigentlich banal. Und doch ist er nicht banal, da die Deutschen beim Betrachten ihres Landes und der Bespieglung ihrer selbst heute manchmal tatsächlich zu einem anderen Ergebnis gelangen.

Sicher ist: In diesem Herbst 2019 betrachten wir dieses Land so intensiv wie schon lange nicht mehr. Dabei gerät allerlei durcheinander. Und gerade an diesem 9. Oktober, an dem die friedliche Revolution in Leipzig ihre durchaus nicht absehbare Wende zum Guten nahm, ergibt es Sinn, das Durcheinandergeratene ein bisschen zu ordnen.

Der erste Satz müsste dabei in etwa so lauten wie der von Schulz – sprich: Unserem Land geht es gut. Wir haben eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt. Wir haben trotz aller berechtigten Abers einen funktionierenden Sozialstaat. Und wir haben eine Gesellschaft, die zwar von wachsenden Spaltungen unterschiedlicher Art betroffen ist, die jedoch alles in allem noch in Frieden miteinander lebt.

Wer das beim Einschalten der allabendlichen Fernsehnachrichten nicht zu schätzen weiß, dem ist nicht zu helfen. Und die Deutschen in Ost und West haben die Erfolge der vergangenen Jahrzehnte gemeinsam erreicht.

Der zweite Satz müsste lauten: Es gibt teilweise wieder aufbrechende, teilweise chronisch werdende Schwierigkeiten zwischen Ost- und Westdeutschen, die endlich offen benannt und dann gründlich aufgearbeitet werden müssen. An der ökonomischen Kluft wird sich bis auf weiteres wenig ändern lassen. Sie hat mit dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft zu tun und mit dem Mangel an großen Industrieunternehmen. Daraus folgen Unterschiede bei Einkommen und vor allem beim Vermögen. Diese wiederum sind ein Grund von mehreren, warum Ostdeutsche auf gesellschaftliche Veränderungen nervöser reagieren als Westdeutsche.

Korrigierbar ist freilich die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten, etwa in der Justiz oder an den Universitäten. Korrigierbar ist auch, dass die Westdeutschen häufig noch die Deutungshoheit über die ost- wie die gesamtdeutsche Geschichte haben. Teilweise sind hier Korrekturen bereits im Gange – entweder weil Westdeutsche jetzt besser zuhören oder weil Ostdeutsche sich medial besser Gehör verschaffen.

Der dritte Satz müsste lauten: Viele Streitigkeiten, die sich aus der 1989er-Revolution ergeben, müssen die Ostdeutschen unter sich ausmachen. Denn diese Revolution hatte zunächst nicht die Einheit zum Ziel, sondern Freiheit. Außerdem gäbe es diese Probleme auch, wenn die Vereinigung unterblieben wäre.

Die Mutigeren unter den Ostdeutschen haben 1989 zwar die Freiheit errungen. Aber zu wenige Ostdeutsche machen von dieser Freiheit einen angemessenen Gebrauch. Sie sagen nicht: Wir nutzen die Freiheit des demokratischen Systems, treten in Parteien ein, lassen uns in Parlamente wählen und gestalten unsere Republik. Sie tun vielmehr so, als ähnelten die Verhältnisse von 2019 jenen von 1989, statt Joachim Gauck zu folgen, der ebenfalls in Plauen sagte: „Der Name für die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung.“

Weil es die Vereinigung gab und Westdeutsche die heutigen Verhältnisse wesentlich prägen, überlappen sich zuweilen die Probleme und damit die Debatten darüber. Doch in Wahrheit hat das eine mit dem anderen wenig zu tun. Das sieht man derzeit in Polen oder Ungarn. Wenn die DDR nach 1989 fortbestanden hätte, dann aber als demokratischer Staat, wären die Ostdeutschen ebenso gezwungen, diese Demokratie zu gestalten. Das Gute ist, dass all das nun auf den Tisch kommt und nicht vom in den letzten Jahrzehnten lange dominierenden Revolutions- und Einheitskitsch überlagert wird.

„Bürger zweiter Klasse waren wir in der DDR“, sagte Werner Schulz, ebenfalls in Plauen. Das ist wahr. Die Ostdeutschen sollten sich zu Staatsbürgern erster Klasse machen. Sie können es. 

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