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Der einst großzügige Gaddafi wird von seinen Landleuten jetzt mit Füßen getreten.

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Mitgefühl für Gaddafi

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An Libyens Landesgrenzen halten sich die Reaktionen über Gaddafis Umsturz in Grenzen. Einerseits sind die Führer Afrikas bestürzt, andererseits wird der Volkswiderstand begrüßt.

Nirgendwo fielen die Reaktionen auf den Einzug der libyschen Rebellen in Tripolis verhaltener aus als auf dem afrikanischen Kontinent selbst. „Kampala schweigt, während Ghaddafi fällt“, titelte die ugandische Oppositionszeitung The Monitor. Derselbe Titel beschriebe auch die Lage in Pretoria, Luanda oder Khartum. Zumindest das offizielle Afrika wurde vom Sturz Gaddafis überrascht: „Die Präsidenten verfallen in bedrücktes Schweigen“, kommentiert das Magazin Jeune Afrique.

Die Gründe dafür seien vielfältig und komplex, fährt der Kommentator fort: Trotz aller Schrulligkeiten sei der Dauerherrscher wegen seiner Großzügigkeit, aber auch wegen seiner anti-westlichen Haltung weithin in Afrika mit einer „Mischung aus Solidarität und Mitgefühl“ bedacht worden. Eine virtuelle Flut wehmütiger Abschiedsgesänge auf den Bruder Führer gibt dem Kommentator Recht: „Er bleibt in unserem Gedächtnis ewig als tadelloser Verteidiger der afrikanischen Unabhängigkeit eingraviert“, versichert Blogger Bruno Ntumba.

Gaddafi - die wilde Bestie

Freilich gibt es auch andere Stimmen. Libyen zeige, „dass sich das Volk gegen die Diktatur erheben kann, wenn es mit seinen Führern unzufrieden ist“, zitiert der Monitor den ugandischen Oppositionschef Nandala Mafabi. Der Observateur aus Burkina Faso nennt Gaddafi gar „wilde Bestie, die man abknallen muss“. Erst wenn die Rebellen dessen Skalp hätten, gebe es Frieden.

Der Républicain in Mali sieht seine Regierung in einer „Schwulität“: Einerseits werde man angesichts der libyschen Befreiung von einem „leichten Schauder“ erfasst. Andererseits könnten die Malier mit ihren einst engen Beziehungen zu Libyen nicht einfach „das Hemd wechseln“. Als größtes Problem für viele Afrikaner stellt sich die Art dar, wie die Libyer ihren Autokraten loswurden: mit Hilfe westlichen Militärs. Sowohl Libyen wie die Elfenbeinküste, wo französische Soldaten den halsstarrigen Wahlverlierer Laurent Gbagbo aus dem Präsidentenpalast vertrieben, machten deutlich, dass die Interventions-Bereitschaft im Westen immer größer werde, schreibt der renommierte Afrikakenner Mahmood Mamdani in einem Beitrag für Al Dschazeera: „Dunkle Tage stehen bevor. Die Afrikaner sollten Gaddafis Fall eingehend studieren.“

Eine Chance dafür verstrich ungenutzt. Auf seiner jüngsten Sitzung widmete sich der Sicherheitsrat der Afrikanischen Union Libyen – und tat, als sei nichts geschehen. Auf Initiative des südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma hielt der Rat an Gaddafis Legitimität als Staatschef fest und verweigerte den Rebellen die Anerkennung – nicht zuletzt, weil sie mit Hilfe der ehemaligen

Kolonialherren an die Macht gekommen sind. „Wie dumm“, schimpft Südafrikas Großjournalist Allister Sparks im Business Day: „Wir Südafrikaner verdanken einen großen Teil unserer Freiheit äußerer Einmischung. Jetzt finden wir uns auf der Seite der Tyrannen wieder.“

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