Kolumne

Mitfahrgelegenheit fürs Arbeiten

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Beim Coworking geht es ums schnelle Verrichten von Tätigkeiten. Es geht aber auch um ein verändertes Verständnis von Arbeit.

Am Geldautomaten meiner Bank poppte kürzlich eine Werbebotschaft für sogenannte Coworking Spaces auf. Das Unternehmen, das zuletzt, wie viele in der Branche, in großem Stil Filialen geschlossen und Beschäftigte entlassen hat, nutzt auf diese Weise nicht nur seine stationären elektronischen Werbeflächen, es demonstriert auch seinen unbedingten Willen zur Modernität. Coworking Spaces sind zentral gelegene und technologisch mit allen Schikanen ausgestattete Arbeitsplätze, die temporär genutzt werden können.

Wer vorübergehend etwas auf die Beine stellen will, muss dafür nicht mehr eigens ein Büro anmieten und dieses entsprechend mit allem nötigen einrichten. Ein Laptop mit Tisch und Stuhl genügen. Mehr ist es allerdings auch nicht, was die Arbeitskabinen der Coworking Spaces an Komfort vorhalten.

Schicker geht es dabei in den meist sehr stylisch eingerichteten Besprechungsräumen zu, die sich die Projektemacher, wie sie der Ökonom Werner Sombart einst nannte, mit Gleichgesinnten teilen. Coworking kann man sich als eine Art Mitfahrgelegenheit fürs Arbeiten vorstellen. Man geht kurz hin und bald wieder weg.

Es geht also ums schnelle Verrichten von Tätigkeiten, alles was sich mit dem Stieren auf kleine Bildschirme und dem Traktieren von Tastaturen bewerkstelligen lässt. Firmenphilosophie und Identifikation mit dem Arbeitsplatz sind nur noch Auslaufmodelle der industrialisierten Welt. Wir befinden uns diesbezüglich allerdings längst in der Phase der Überwindung des Post-Industriellen.

In seiner Studie über die „Angestellten“ hat der Frankfurter Kulturphilosoph Siegfried Kracauer einst beschrieben, wie der Aufstiegswille der Büroarbeiter dazu beiträgt, dass jegliches Klassenbewusstsein verloren geht. Wo es ums eigene Fortkommen geht, hält der Blick auf die anderen nur auf.

Ganz in diesem Sinne setzt das Prinzip des Coworkings ein verändertes Verständnis von Arbeit voraus, das auf einer Idee prinzipieller Ortlosigkeit basiert. Wir werden zu Passanten im Nirgendwo und Überall – und sollen es sein.

Die Werbung über das Display des Geldautomaten deute ich als signifikanten Ausdruck demonstrativer Innovation. Es ist eher unwahrscheinlich, dass auf diese Weise Interessenten fürs Coworking gewonnen werden. Vielmehr soll signalisiert werden, dass das Unternehmen ganz und gar mit der Zeit geht.

Zugleich will es junge Kunden ansprechen, für die die temporäre Beschäftigung bereits eine gesellschaftliche Realität darstellt, gleichgültig ob freiwillig oder erzwungen. Das Geldinstitut empfiehlt sich so als Schaltzentrale für neue Geschäftsfelder. Dabei könnte sich allerdings herausstellen, dass die erwartungsfrohe Aussicht auf die Entdeckung bislang nicht erschlossener Geschäftsideen eine allzu optimistische Sichtweise darstellt.

Wenn die allgemeine Zinsentwicklung und die Erfindung digitaler Währungen nicht täuschen, ist das Geld selbst ein Auslaufmodell im weiten Feld des Warentauschs. Der digitale Kapitalismus jedenfalls zielt immer mehr darauf ab, nahezu vollständig auf Zahlungen zu verzichten.

Vor diesem Hintergrund ist das vielfach beschworene Vertrauen in Banken kaum mehr als eine verblassende Erinnerung – und die Bankenwerbung fürs Coworking ist wie ihr Gegenstand selbst flüchtiger Natur.

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