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Die missbrauchten Morde

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Von: Christian Bommarius

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Pegida-Anhänger halten Plakate mit den Opfern der Terroranschläge in die Höhe.
Pegida-Anhänger halten Plakate mit den Opfern der Terroranschläge in die Höhe. © dpa

Was bewegt französische Zeichner zu dem Aufruf „Pegida, verschwinde“? Es ist das dumpfe und brutale Denken, das die Trauermärsche der Rechten zu verlogenen Inszenierungen macht.

Was hat es zu bedeuten, dass sich französische Karikaturisten die Vereinnahmung der Pariser Morde durch Pegida verbitten? Was veranlasst sie, gegen den vermeintlichen Trauermarsch für die ermordeten Karikaturisten von „Charlie Hebdo“, zu dem Pegida für gestern Abend aufgerufen hatte, zu protestieren und zu fordern: „Pegida, verschwinde!“? Was bringt sie derart in Rage, dass sie in einem Flugblatt formulieren: „Wir sind angewidert, dass rechte Kräfte versuchen, diese (die Morde, die Red.) für ihre Zwecke zu instrumentalisieren“?

Die Begründung des Versuchs französischer Karikaturisten, sich der öffentlichen Leichenschändung durch „besorgte“ deutsche Bürger zu widersetzen, hat schon vor einigen Jahrzehnten einer der weltoffensten, humansten und witzigsten Söhne Dresdens geliefert, der Schriftsteller, Kabarettist und Satiriker Erich Kästner: „Was immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“ Wird der Begriff „Kakao“ durch „Jauche“ ersetzt, lässt sich sagen: Die französischen Karikaturisten haben den Ratschlag Kästners beherzigt. Die Trauer der Pegida-Organisatoren um die ermordeten Journalisten ist so aufrichtig wie das Mitleid des Henkers, der nach der Vollstreckung ins Ohr seines Opfers flüstert: „Tut mir leid.“

Die Meinungs-und Pressefreiheit hat derzeit in Deutschland keinen aggressiveren Feind als Pegida, weite Teile der AfD und die NPD, die im bekannten NS-Jargon jedes Medium, das an die Unveräußerlichkeit der Menschenwürde erinnert, als „Lügenpresse“ bespeien. Und Meinungs-und Pressefreiheit hatten und haben nicht nur in Frankreich, sondern in Europa keine entschlosseneren Verteidiger als die Karikaturisten von „Charlie Hebdo“.

Die Satirezeitschrift verhöhnt und verspottet nicht nur alle Spielarten des Extremismus – der Religionen und der Politik –, besonders lustvoll schlägt sie dem wütenden Spießer den Spieß aus der Hand, mit dem er auf andere loszurasen droht, bohrt unerbittlich das besonders harte Brett, das er vor dem Kopf hat, und spritzt ihm mit ätzendem Witz den Schaum weg, den er vor dem Mund trägt. Mit anderen Worten: Pegida wäre für „Charlie Hebdo“ das gefundene Fressen – würden sich die Karikaturisten nicht damit begnügen, ihre Gegner mit dem Stift zu erledigen. Wer die ermordeten Karikaturisten beleidigen will, der lässt sie von Pegida betrauern.

Verstockte Wut auf alles

Die schweigsamen Aufmärsche vor der Semperoper und auf der Cocker-Wiese in Dresden – nur unterbrochen von ins Dunkel geschnaubten Schreien („Wir sind das Volk“, „Lügenpresse“, „Volksverräter“) –, die verstockte Wut auf alles und jeden, der Witz hat und Verstand, der mit dem Wort nicht auf Kriegsfuß steht, aber mit einem Lachen im Leben: All das ist nur die eine Seite dieser selbsternannten Bewegung, die intellektuell so mobil ist wie die poecilia reticulata – der gemeine Guppy – auf dem Trockenen. Und das ist noch die bessere, zwar unansehnliche, aber nicht vollends von Hass verschmierte Seite der Pegida und ihrer neuen Brüder und Schwestern von der AfD.

Der anderen Seite begegnet, wer sich in den einschlägigen Foren des Internets bewegt. Dort gilt „Lügenpresse“ fast schon als Euphemismus. Auf der Website „politically incorrect“ schreibt ein Leser – mit durchweg positiven Reaktionen – ein wenig direkter: „Was heißt hier ‚Lügenpresse‘ – es müsste in diesem folgenden Fall mindestens heißen Lasterpresse, Lumpenpack-Presse, Luden-und Huren-Presse, die ‚schlimmsten Hetzer seit Goebbels‘-Presse, die ‚heilt keiner‘-Presse, die Drecksmaul-Presse, ass wide open press, die Guillotine-Presse, die Presse für Gängsterethik (sic!), die Presse für eilfertigen Schariavollzug, die Presse für allerart Duftspuren der Lynchjustiz, die Presse für den gerührten und geschüttelten Hirnfurz, die Laternenpfahl-ganz-unten-Presse, die Hundekot-mittendrin-Presse, la press des hautes imbécillités und und und…“.

Die Beleidigung „Schweine-Journalist“ gilt da schon als höfliche Umschreibung und der Begriff „Bonsai-Goebbels“, mit dem ein süddeutscher AfD-Funktionär Redakteure bezeichnet, die ihn offenbar in seinen Erwartungen an Goebbels ebenbürtigem Journalismus enttäuschen, als intellektuell verwegen. Es ist aber alles nur dumpf und brutal.

Der irische Schriftsteller George Bernard Shaw hat vor langer Zeit gewarnt: „Man hüte sich vor alten Männern, denn sie haben nichts mehr zu verlieren.“ Mit 66 Jahren ist der Hamburger AfD-Spitzenkandidat Jörn Kruse ein älterer Herr und hat, nach einer Karriere als Wirtschaftswissenschaftler, nicht mehr sehr viel zu verlieren – vor seinen Parteifreunden offenbar nicht einmal das Gesicht. Derzeit macht sein Satz Furore, die Anschläge von Paris seien „viel früher passiert, als ich gehofft hatte“. Mag sein, dass es ein Versprecher war. Aber er wurde vom Publikum gefeiert. Und man versteht, warum. Denn selbstverständlich kann es Pegida und AfD mit der Trauerfeier für „Charlie Hebdo“ gar nicht schnell genug gehen.

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