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Friedrich Merz will Kanzler werden und das Asyl abschaffen.

Friedrich Merz

Gib Millionären eine Chance

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CDU-Kandidat Friedrich Merz will Mittelklasse nicht mehr über Besitz sondern über Werte definieren. Das Grundrecht auf Asyl will er auch abschaffen. Der ideale Kanzlerkandidat? Die Kolumne.

Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle die Bewegung der Pessimierer ausgerufen. Meine Parole war: Einfach mal nichts tun und sich gründlich verschlechtern, statt sich zu optimieren bis die Wände wackeln. Seitdem erreichen mich Briefe, die mir in der Regel zustimmen, aber auch Briefe, die sich beklagen.

Es heißt, man sei meinem Ratschlag gefolgt, stünde nun aber kurz vor dem Abstieg aus der Mittelklasse, weil die Scores nicht mehr stimmten und die Ratingagenturen sie herabgestuft hätten, von Doppel-A auf Triple-C. Das tut mir sehr leid, ich bin ja auch Teil der Mittelklasse, über die jetzt so viel gesprochen wird, zum Beispiel von Friedrich Merz, und fühle mit wie jeder Konservative seit George W. Bush.

Friedrich Merz fliegt lieber

Merz will die Mittelklasse ja nicht mehr wie bisher über Besitz und Kontostand definieren, sondern über die Werte (Leistungsbereitschaft, Bewahrung der Tradition etc.), was dazu führen würde, dass ein armer Schlucker mit Manieren genauso dazugehören könnte wie ein Milliardär, der anständig Steuern zahlt, womit aber keiner rechnet.

Hässliche Stimmen sagen eher, das Symbol des Mittelstands sei der Fahrradfahrer – nach oben beugen, nach unten treten -, was ich aber gemein finde. Schließlich ist der Fahrradfahrer schon im Verkehr in einer klassischen Sandwichposition: Von den Autofahrer auf der Straße lebensgefährlich bedrängt, brettert er auf dem Bürgersteig jede Oma um, zählt Friedrich Merz aber nicht in seinen Reihen. Der fliegt mit dem Flugzeug.

Auch über Merz und seine Verwicklungen standen an dieser Stelle ein paar unfreundliche Worte. Kurz darauf brach eine Neiddebatte aus, die in Deutschland immer dann geführt wird, wenn die unteren Lohngruppen zu Recht einen größeren Teil vom Kuchen beanspruchen.

Merz: Orden des Ritters der Dolchstoßlegende 

Auch Millionäre wie Merz sollten die Chance haben, Kanzler zu werden, alles andere wäre ungerecht. Dagegen gibt es nichts zu sagen. Jeder Bürger dieser Republik kann die Merkel-Nachfolge antreten, ob Millionär oder Fischfachverkäufer. Nur ist bei Merz dieser seltsame Hang zu alten Rezepten zu spüren, der immer schlimmer wird, von CDU-Regionalkonferenz zu CDU-Regionalkonferenz. Zuerst wiederholt er drei Jahre nach der Flüchtlingskrise das Märchen, es habe keine rechtliche Basis gegeben für offene Grenzen, und bewirbt sich damit um den Orden des Ritters der Dolchstoßlegende. Dann will er das Grundrecht auf Asyl abschaffen. Noch drei weitere Konferenzen und er kündigt an, Hans Georg Maaßen wieder zum Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes zu machen. Ab einer vierten Konferenz lässt er Helmut Kohl exhumieren. Bei der fünften Konferenz ruft er die Merz-Revolution aus und ich muss fünf Euro in die Kalauerkasse zahlen.

Auch über Maaßen aber muss noch einmal nachgedacht werden. Viele politische Beobachter haben ja lange und erfolglos gerätselt, was den Mann geritten hat, als er bei der SPD linksradikale Kräfte vermutete und die Medien von finsteren Mächten ferngesteuert sah. Blackout? Paranoia? Oder kühle Berechnung?

Ich für meinen Teil tippe auf den letzten Fall und wette um 50 Euro, dass er zu Hause sitzt und auf den Posten des sächsischen Innenministers spekuliert für den Fall einer AfD-CDU-Regierung mit Bedarf an geschulten Kräften. Er hat alles dafür getan: sich einen Opferstatus erarbeitet, überall Feinde gesehen und nie die Schuld bei sich selbst gesucht. Sie finden, 50 Euro ist zu viel Geld? Nun, ich bin eben Mittelklasse. Die Wette gilt.

Volker Heise ist Filmemacher.

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