+
Wie wahrhaftig sind die Reden von Christian Lindner?

Michael Herls Kolumne

Schizophren wie wir: Werbung und Politik können uns alles verkaufen

  • schließen

Werbung ist Lug und Trug. Trotzdem kaufen wir das, was da angepriesen wird. Nicht anders ist es in der Politik – was man uns da nicht schon alles versprochen hat …

Eigentlich könnte ja Werbung sinnvoll sein, also Verbraucher über Produkte informieren, ganz objektiv und wahrheitsgemäß, ohne Übertreibung und großes Getöse. Schließlich weiß man seit Urzeiten, dass jene, die am lautesten tönen, das meiste zu vertuschen haben. Man denke nur an die Redewendung „anpreisen wie sauer Bier“ oder den legendären Verleihnix mit seinen stinkenden Fischen. Oder was empfiehlt der Ober dem Gast am eindringlichsten? Das, was sonst bald in die Tonne gekloppt wird. Das ist einerseits richtig, da so weniger Lebensmittel weggeworfen werden. Anderseits ist es eine kleine Täuschung des Verbrauchers, da der Ober (so er sein Fach versteht) das Gericht dem Gast so überzeugend schmackhaft macht, dass dem gar nichts anderes übrig bleibt, als es zu bestellen. Im optimalen Fall schmeckt es ihm auch, und er gibt dem Kellner ein üppig’ Trinkgeld.

Reklame darf also übertreiben - die Politik auch?

Reklame darf also übertreiben, so sie nicht ein X für ein U vormacht. Aber sogar das ist möglich, wenn auch mit Geschmäckle. „Same same but different“, sagen oft Verkäufer auf thailändischen Märkten, wenn sie ein gewünschtes Produkt nicht vorrätig haben, dem Kunden aber ein anderes andrehen wollen. „Das Gleiche, aber halt ein klitzekleines bisschen anders“, könnte man den Satz charmant übersetzen. So können Händler (so sie ihr Fach verstehen) dem verdatterten Kunden statt des gewünschten Hühnerspießes locker ein paar gebrauchte Gummistiefel aufschwatzen – und den geneigten Fernreisenden sogar in den Glauben versetzen, ein Schnäppchen gemacht zu haben.

Ähnlich ist es in der großen Reklame, also jener im Fernsehen, im Kino oder auf Plakaten. Früher glaubte doch niemand ernsthaft daran, an der Esso-Tankstelle einen wahrhaftigen Tiger in den Tank seines Autos gestopft zu bekommen. Dennoch war die Werbekampagne erfolgreich und lief weltweit viele Jahre. Und man denke an diesen kleinen Spießer aus den Sechzigern. Ein cholerischer, tobender Zornnickel, der raketengleich in die Luft schoss und erst nach dem Genuss einer HB wieder zu Ruhe und Gelassenheit fand. Das nahm niemand für bare Münze – dennoch wurde HB zu der beliebtesten Kippe ihrer Zeit. Die Menschen gewöhnten sich im Laufe der Jahrzehnte an die Mechanismen. Werbung ist Lug und Trug, aber wir kaufen das, was die da propagieren. Schizophren, aber wahr.

Donald Trump, das Ergebnis der Verdreisterung der Dreistigkeit

Nicht anders ist es in der Politik. Was hat man uns da nicht schon alles versprochen. Ein tausendjähriges Reich etwa, blühende Landschaften, sichere Renten, nicht die Absicht zu haben, eine Mauer zu bauen oder einen Flughafen zu einem bestimmten Zeitpunkt zu eröffnen. Nichts von alledem fand statt, die Wahrhaftigkeit rückte in immer weitere Ferne, und sie tut es noch immer.

Bestes Beispiel ist Donald Trump, das Ergebnis der stetigen Verdreisterung der Dreistigkeit. Neuestes Produkt aus dieser Reihe: eine Maschine, die Fürze lesen kann. Sie glauben das nicht? Schauen Sie fern. Dort entfährt in einem Werbeclip einer jungen Frau ein Darmgeblubber, daneben steht eines jener Geräte, die Alexa oder Siri heißen, nimmt das Analsignal wahr, seufzt mitfühlend: „Na, schon wieder Verdauungsprobleme“, und empfiehlt die sofortige Einnahme von Flohsamenschalen. Sage da noch mal einer, die Welt werde immer schlechter.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare