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Demonstration vor dem Axel-Springer-Hochhaus in Berlin: Sagt der Fall Mesut Özil tatsächlich nichts aus über den Stand der Integrationsdiskussion in Deutschland?

Integration

Mesut Özil und die sozialen Hetzwerke

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In mancher Hinsicht sind der Fußballer und seine Feinde einander ähnlicher, als sie denken. Und doch ist die Sache ein deutsches Problem. Eine Analyse.

Schon wieder Mesut Özil? Ja, schon wieder. Dabei hat Außenminister Heiko Maas doch schon alles Nötige dazu gesagt: „Ich glaube nicht, dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland.“ Und er hat natürlich auch recht mit der Bemerkung: Das Scheitern der Nationalelf in Moskau habe nichts mit dem Foto mit Erdogan zu tun.

In der Politik aber geht es nicht um Logik. Es geht um Gefühle. Der „Respekt“, den der Fußballspieler dem türkischen Präsidenten erweist, wäre sicher besser angebracht gegenüber Menschen, die Blutbäder verhindern, statt sie anzuzetteln; die demokratische Institutionen schützen, statt sie zu zerstören.

Heiko Maas hat recht, Mesut Özil ist eine Ausnahme

Aber mit Integration hat das nichts zu tun. Ein Gutteil der bundesdeutschen Bevölkerung hält wenig von unseren demokratischen Institutionen, manche Erhebungen gehen von 15 Prozent aus. Sie träumen davon, diese Institutionen durch solche zu ersetzen, die dem Willen dieser 15 Prozent folgen.

Diese 15 Prozent gehören zu uns. Ich bin sehr dafür, dass es weniger werden. Aber nicht indem ich sie vor mir hertreibe, wie sie das mit Angela Merkel vorhaben, sondern indem ich mich einsetze für das, was ich für vernünftig und gerecht halte.

Sagt der Fall Mesut Özil tatsächlich nichts aus über den Stand der Integrationsdiskussion in Deutschland? Maas hat recht, er ist eine Ausnahme. Seine Lebenssituation, seine Haltung haben wenig zu tun damit, wie die drei Millionen in Deutschland wohnenden Türken leben.

Aber der Fall Özil, der ja mehr unser als sein Fall ist, zeigt, dass es nicht darum geht, den „Ausländern“ vorzuwerfen, dass sie nichts tun, auf der faulen Haut liegen und unseren Sozialstaat ausbeuten. Es geht den 15 Prozent darum, ihnen klarzumachen, dass sie hier nichts zu suchen haben. Wenn es ihnen schlecht geht, wird ihnen das vorgeworfen. Geht es ihnen gut, wird ihnen daraus ein Strick gedreht. Den 15 Prozent – ich nenne sie jetzt einfach so – können sie es nicht recht machen. Es sei denn, sie verschwinden. Es ist dabei ganz gleichgültig, auch das zeigt der Fall Özil, ob sie gerade erst versuchen, als Flüchtling ins Land zu kommen, oder ob es die Großeltern waren, die nach Deutschland kamen.

Ich kenne Mesut Özil nicht, habe nie auch nur ein Wort mit ihm gewechselt. Aber wer so zu Erdogan steht, hat sich – das ist mein Eindruck – in die 15 Prozent integriert. Die wehren sich mit Händen und Füßen und auch Mesut Özil mag es bizarr vorkommen, aber in der Verehrung für starke Männer und antidemokratische Strukturen kommen die Kontrahenten der aktuellen Debatte sich sehr, sehr nahe.

Insofern ist der Fall Özil ein besonders unglücklicher Fall. Selbst da, wo man sich einig ist, wie ein Staat geführt werden soll, geht man auf Seitenpfaden mächtig aufeinander los.

Das Grundgesetz wird bald 70 Jahre alt

In der Özil-Debatte poppte immer wieder ein Argument auf: Er sei jetzt schon in der dritten Generation hier und immer noch betrachte er Erdogan als seinen Präsidenten. So jemanden könne man unmöglich als integriert bezeichnen. Würden wir dieses Argument auf die 15 Prozent anwenden, wir müssten sie hinauswerfen aus Deutschland.

Das Grundgesetz wird im kommenden Mai 70 Jahre alt. Das hindert einen fast konstant bleibenden Teil der Bevölkerung nicht daran, sich gegen das von ihm geförderte Umerziehungsprogramm zu wenden, mit dem aus Deutschen Demokraten gemacht werden sollten. Es gibt immer neue Generationen, die aus Demokraten wieder Deutsche machen wollen. Wir wollen sie nicht vertreiben in eine der von ihnen geschätzten Diktaturen.

Noch etwas ist an der Özil-Debatte fatal. Er ist ein Signal an Hunderttausende Jugendliche, die beobachten müssen, dass es nichts bedeutet, in der Nationalelf zu spielen. Es finden sich trotzdem nicht nur Menschen in den sozialen Hetzwerken, sondern eben auch ein Ulrich Hoeneß, der einen als unfähig herunterputzt. Wir leben nicht in einer Leistungsgesellschaft. Wir leben zwischen Hetzmeuten, die darauf warten, dass ihnen jemand zum Fraße vorgeworfen wird.

Wir können uns nur wehren dagegen. Es gibt keinen Knopf, um das abzustellen. Gerade darum wäre es gut gewesen, die Nationalmannschaft und der Deutsche Fußballbund hätte sich vor Özil gestellt und ihm gezeigt, dass man ihn achtet. Nicht seine politischen Vorlieben, nicht seine Sprüche, sondern – sagen wir – seine Beinarbeit.

Wir leben in der Globalisierung. Wie viel ein Club, wie viel ein Spieler verdient, darüber entscheiden, habe ich gelernt, die Fans in China. Nationalmannschaften sind da – bestenfalls – ein rührender Anachronismus. Sie sind manchmal leider auch eine günstige Gelegenheit, die chauvinistische Karte auszuspielen. Um vom eigenen Unvermögen abzulenken. 

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