Christian Petry

Menschen aufblühen lassen

  • schließen

Mit Wertschätzung helfen, damit jede und jeder einen Platz in der Gesellschaft findet: Das war das Leben von Christian Petry. Ein Nachruf.

Als ich Christian Petry das erste Mal sah, trug er lässig sein Jackett über den Schultern und hatte die Hände in den Hosentaschen. Er sah aus wie der perfekte englische Gentleman, außerordentlich höflich, formell und informell zugleich und vom ersten Augenblick an ungewohnt wertschätzend.

Das war im März 1990, noch vor der Einheit. Als Geschäftsführer der Freudenberg-Stiftung hatte er Vertreter des Runden Tisches der DDR eingeladen, um über die ostdeutschen Erfahrungen in der Ausländerarbeit – damals hieß das so – zu sprechen und mit Kollegen aus dem Westen zu diskutieren.

Diese Begegnung werde ich schon deshalb nie vergessen, weil sie fortan auf sehr viele Menschen einen großen Einfluss hatte.

In unserer Zeit, geprägt von Umwälzungen, neigen Menschen dazu, sich handlungsunfähig zu fühlen. Zu stark wirken die Zentrifugalkräfte in der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft. Was soll da ein Einzelner schon ausrichten können? Vor dem Hintergrund der Globalisierung, Digitalisierung und Migration drängen sich Zweifel auf, besonders da diese Zeiten Rechtspopulisten in die Hände zu spielen scheinen.

Christian Petry widersprach dem. Nicht mit Worten, sondern mit seinem Beispiel. Er war einer der klügsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Scharfsinnig, originell und sortiert nach erstens, zweitens und drittens diskutierte und analysierte er Probleme und fand praktische und mutige Lösungen. Er wollte nie selbst gelten, sondern anderen, die es brauchten, Geltung für ihre Themen verschaffen.

Christian Petry hätte ein berühmter Professor sein können oder ein wichtiger Autor, Philosoph oder gar Politiker. Er hätte überall eine glänzende Karriere gemacht. Er entschied sich jedoch für etwas anderes. Seine Leidenschaft war es zu sehen, wie Menschen aufblühen, wie Kinder und Jugendliche sich entfalten, wie Schulen zu einem Ort werden, an dem demokratisches Lernen möglich wird. Und zwar auch und besonders für die Benachteiligten, für diejenigen, die trotz des Rassismus in der Gesellschaft in ihr einen Platz brauchen.

Er war von der Idee beseelt, dass Individuen etwas ausrichten können. Deshalb stellte sich Christian Petry ganz in deren Dienst. Er tat es, indem er Netzwerke und Strukturen aufbaute und sie zu finanzieren half. So langweilig wie es klingt, so wichtig sind die vielen Institutionen der Zivilgesellschaft für alle, die sich engagieren.

Er hat damit die Nachwendezeit stark beeinflusst. Ohne ihn gäbe es wohl keine Infrastruktur gegen Rechtsextremismus. Und in der Vorwendezeit hätte es ohne ihn wohl keine Schulreform gegeben, die systematisch Kinder aus Migrantenfamilien einbezieht. Viele der Dinge, die heute selbstverständlich sind, gehen auf seine Ideen zurück. Er war ein zutiefst liberaler Mensch mit klarer moralischer Haltung, die Rassismus oder Antisemitismus ohne Wenn und Aber ausschloss.

Von allen Dingen, die ich von ihm gelernt habe, ist eines besonders wichtig: Jeder Mensch kann einen Unterschied machen. Zentrifugalkräfte hin oder her. Mit oder ohne Jackett über den Schultern. Etwas wertschätzend zu ermöglichen, damit Menschen aufblühen können, das ist das Wichtigste in unserer Zeit.

Am 12. November verstarb Christian Petry. Wir werden sein Vermächtnis weiterführen. 

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare