+
Im Tierreich gibt es keine Angsthasen, nur Feldhasen.

Nicht so ängstlich!

Was den Mensch vom Hasen unterscheidet

  • schließen

Der Hase hat nur zwei Möglichkeiten: wegducken oder weglaufen. Der Mensch kann versuchen, sich frühzeitig zu schützen. Er muss nur die wahren Risiken erkennen. Die Kolumne.

Angsthasen gibt es nicht. Jedenfalls nicht im Tierreich. Ein echter Hase könnte sich dieses beklemmende Gefühl nicht leisten. Er ist vielen Gefahren ausgesetzt, weil Fuchs und Co. ihn schmackhaft finden. Er muss sich überlegen, wie er seinen Feinden entkommt, wenn sie ihn in seinem Lager trotz der guten Tarnung aufspüren. Am besten erst mal sitzen bleiben und hoffen, dass man nicht entdeckt wird. Und wenn das nicht funktioniert, hakenschlagend in die richtige Richtung fliehen.

Auch das Kaninchen sitzt nicht starr vor Angst vor der Schlange. Schon deswegen nicht, weil es die Schlange als Bedrohung gar nicht erkennt. Es guckt höchstens neugierig und bleibt, wie der Hase auch, erst mal ruhig sitzen.

Irgendwo verläuft im Tierreich eine schwammige Grenze zwischen Instinkt und Angst.

Mensch hat ausgeprägte Angstgefühle

Viel ausgeprägter hingegen ist Angst beim Menschen. Sie ist ein schillernder Begriff, ein vielschichtiges Gefühl. Schon der Zustand erhöhter Aufmerksamkeit, um Bedrohliches vorherzusehen, gehört dazu. Angst ist ein wichtiges Signal, wachsam zu werden, Gegenmaßnahmen zu treffen und der Gefährdung zuvorzukommen.

Voraussetzung für Angstgefühle ist, dass der Mensch durch Erzählungen oder eigene Erlebnisse erwarten kann, dass ein bestimmtes Ereignis etwas Unangenehmes oder gar Böses mit sich bringt. Dann kann er sich rechtzeitig schützen.

So hätte man vollstes Verständnis, wenn ein Mensch, der einmal von einem wilden Tier angefallen wurde, Angst vor diesem Tier entwickelt. Schon Legendenbildung reicht aber aus. Sie schürt jedoch auch ungerechtfertigte Besorgnis, weil sie oft kaum begründet ist. Manch einzelnes Ereignis, so scheint es, versetzt die halbe Nation in Schrecken und führt zu überzogenen Forderungen. Der Populismus obsiegt leicht, wenn Ängste bedient werden.

Das scheint es allein im Menschenreich zu geben. Im Tierreich werden keine Einzelereignisse aufgebauscht und instrumentalisiert, nur um überall Angst zu verbreiten. Es scheint dort eine Art Ökonomie der Angst zu geben, denn Dauerstress und Angstzustände würden das Leben ja völlig sinnlos beeinträchtigen, wenn nicht wirklich Gefahr droht.

Erkennen, wo die wahre Gefahr liegt

Wenn dagegen ein möglicherweise oder tatsächlich Geistesgestörter einen brutalen, hinterhältigen Mord an einem Ahnungslosen begeht, wie gerade im Frankfurter Bahnhof geschehen, entwickelt sich die Angst davor, auf einem Bahnsteig zu stehen, in diese Stadt zu fahren oder Menschen mit Migrationshintergrund erst einmal mit Vertrauen zu begegnen, bei manchen schon fast zur Panik. Was für eine Inflationierung von Warnsignalen. Die verlieren so ihre voraussehende Schutzfunktion und verstellen den Blick dafür, wo die eigentliche Gefahr liegt.

Angst muss einem besonders vor denen werden, die das fürchterliche Ereignis instrumentalisieren, um für ihren Hass gegen Fremde, gegen Zuwanderung eine breitere Basis zur Volksverhetzung zu finden. Angst vor den Hetzern und Hassern muss wach machen, damit Volksverdummung und Diskriminierung keine Chance bekommen.

Die Angsthasen unter den Menschen werden allzu leicht Opfer dieses Geschäfts mit der Angst. Die echten Hasen, die mit den langen Ohren, kennen zur Gefahrenabwehr nur Wegducken oder Flucht. Ein wichtiger Unterschied zu uns Menschen. Wir können Bedrohungen entgegentreten. Dazu gehört aber zunächst, dass wir erkennen, wo die wahre Gefahr liegt.

Das könnte Sie auch interessieren

Haltet einfach mal den Mund, Hetzer!

Ein Mensch stößt einen Jungen vor den Zug, das Kind stirbt. Ein furchtbares Verbrechen, geschehen am Frankfurter Hauptbahnhof.Aber muss AfD-Politikerin Alice Weidel daraus politisches Kapital schlagen? Der Kommentar.

Vorm Hauptbahnhof in Frankfurt regiert schon wieder der Hass

Geplant waren eine Mahnwache und ein Gottesdienst für den getöteten Achtjährigen, doch ein stilles Gedenken war nicht überall möglich.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare