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Wer ist hier der Lump? Sobald sich im Lotto-Jackpot vierzig Millionen befinden, rennen zehnmal so viele zur Annahmestelle.
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Wer ist hier der Lump? Sobald sich im Lotto-Jackpot vierzig Millionen befinden, rennen zehnmal so viele zur Annahmestelle.

Kolumne

Ein Mensch wie Du und ich

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Ach, die Politiker - was wird nicht alles über sie gewettert. Dabei benehmen sie sich auch nicht anders als ganz normale Bürger. Im Grunde ist das ein gutes Zeichen. Wenn unsere Repräsentanten sind wie wir, dann sagt uns das, dass unsere Demokratie funktioniert.

Eigentlich mag ich ihn ja nicht besonders. Spießig kommt er daher, belehrend, betulich, mit dieser eher hellen, glucksenden Stimme. Und er ist einer jener Vorzeigeschwiegersöhne, die ich sowieso gefressen habe. Einer, den auch die verbiestertste schwäbische Hausfrau unaufhörlich mit Liebe und Maultaschen vollstopft, wenn er ihrer Tochter den Hof macht. Außerdem hat er Medizin studiert und trägt den Doktor- nebst seinem Adelstitel wie eine Monstranz vor sich her.

Ich sage jetzt nicht, wen ich meine, sonst wird Eckart von Hirschhausen womöglich ungehalten. Doch nicht alles an ihm ist schlecht. Dann und wann nämlich entfährt dem Manne etwas Schlaues. Es ist womöglich nicht von ihm, sondern beruht vielleicht auf einer alten chinesischen oder arabischen Weisheit. Egal. Gut gefunden ist auch gut.

So soll er unlängst gesagt haben: „Was ist der Unterschied zwischen einem Mann, der sieben Kinder hat und einem Mann, der sieben Millionen Euro hat? Der mit den sieben Millionen Euro will mehr.“ Ein wahrer Satz. So sind sie nämlich, die Raffzähne, denkt man sofort und hat sogleich Figuren aus der Finanz- oder Immobilienbranche vor dem geistigen Auge. So weit muss man aber gar nicht gehen. Wir können auch bei uns bleiben. Viele von uns wollen nämlich schon mehr, obwohl sie noch gar nichts haben.

Wer ist nun der Lump?

Wie das geht? Mit Lotto. Viele von uns spielen. Mindestens einmal die Woche. Doch sobald sich im Jackpot vierzig Millionen befinden, rennen zehnmal so viele zur Annahmestelle. Sie können also schon im Vorhinein den Hals nicht voll genug kriegen. Und wie gerne wird geschimpft auf Lumpen wie jene in Großbanken, an der Börse oder im Waffenhandel. Wie skrupellos die doch angeblich seien. Aber dann trägt man seine eigenen paar Kröten genau dorthin, auf dass sie fruchtbar seien und sich vermehrten. Wer ist denn da nun der Lump?

Ähnlich bei „den Politikern“. Was wird nicht alles über die gewettert. Schmierig seien sie, geldgeil, profil- und charakterlos, „die da oben“. Als gehörten die einer Kaste obendrüber an, die man selbst bestenfalls im nächsten Leben mal erklimmen kann. Dabei wird vergessen: Es sind Volksvertreter. Leute aus unserer Mitte, von uns gewählt. Wir merken dies, sobald wir einen „von denen“ mal zufällig in unserem persönlichen Umfeld treffen. In der Kneipe etwa. Wir sehen, dass er schwitzt, pinkeln geht, Bier trinkt, Bockwurst isst. Und tags drauf sagen wir zu unseren Freunden: „Der war ganz normal. Ein Mensch wie du und ich“.

Edle Bordelle auf des Steuerzahlers Kosten

Politiker sind also ganz normale Menschen mit ganz normalen Verhaltensweisen. Also tun sie auch ganz normale Dinge. Und sie tun das, was wir alle täten an ihrer Stelle. Sobald sie gewählt sind, schlüpfen sie in feines Tuch und fressen Hummer und Austern. Womöglich hinterziehen sie dann Steuern, indem sie Geld im Ausland anlegen, sie gucken sich Bilder von nackten Jungs an, sie besorgen sich Crystal Meth und nehmen es, und sie besuchen edle Bordelle auf des Steuerzahlers Kosten. Im Grunde ist das beruhigend und ein gutes Zeichen. Wenn unsere Repräsentanten sind wie wir, dann sagt uns das, dass unsere Demokratie funktioniert. Und wenn wir wollen, dass unsere Politiker sich ändern, dann müssen erstmal wir uns ändern. So einfach ist das.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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