Kolumne

Melodischer Fluglärm

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Zugvögel haben es gut. Sie reisen, ohne die Umwelt zu belasten. Kein Ausstoß von Treibhausgasen, kein Stickoxid, nicht einmal Kondensstreifen am Himmel.

Frühbucherrabatt! Wenn nicht jetzt, wann dann an den Sommerurlaub denken und Geld sparen? Noch sind die Angebote billig, die Veranstalter wollen Planungssicherheit, überbieten sich in Angeboten und unterbieten sich in den Preisen.

Winterliche Kälte, bleierner Himmel, der Mangel an Licht wecken die Sehnsucht nach Wärme, Sonne, blauem Himmel. Ach, was haben es die Zugvögel gut. Der Rekordhalter Küstenseeschwalbe ist der Vogel des ewigen Sommers. Er pendelt zwischen dem hohen Norden und der Antarktis. Jedes Jahr zweimal Langstrecke, einmal hin, einmal zurück. Nach den neuesten Forschungen kommen da fast 100.000 Kilometer im Jahr zusammen. Bei der Fluglinie mit dem Kranich im Logo reichte dies schon fast für den VIP-Status, aber im Unterschied zu deren Vielfliegern sind Zugvögel Weltmeister in Energieeffizienz. Dabei helfen zahlreiche Tricks.

Manche Arten verkleinern ihre Organe, um Ballast zu reduzieren, andere fressen sich Fettreserven an, füllen so ihre Treibstofftanks. Beim Fliegen wenig Muskelbewegungen, möglichst viel Gleitflug. Wie sie ihr Ziel finden, woran sie sich orientieren, beginnen wir erst zu verstehen.

Das Erdmagnetfeld, optische Landmarken, der Sternenhimmel, Instinkt, auch die Gene helfen. Junge Störche lernen die Route von erfahrenen Artgenossen. Wie das alles zusammenspielt, ist weitgehend unbekannt. Aristoteles schon rätselte über den Vogelzug, auch der Stauferkaiser Friedrich II., der deutsche Ornithologe Johann Andreas Naumann untersuchte vor rund 200 Jahren als Erster das „Zugweh“, welches Vögel zum Aufbruch drängt.

Mich packt das Zugweh, wenn ich nachts die Kraniche und Gänse auf ihren Zügen am Himmel rufen höre, auch über der Großstadt. Die Rufe sind laut. Fluglärm der melodischen Art. Und kein Nachtflugverbot. Fernweh irgendwo zwischen Freddy Quinn, wenn ein weißes Schiff nach Hongkong fährt, und Alexander von Humboldt, der reiste, um der Wissenschaft zu dienen.

Die Lust am Reisen ist die gleiche. Naja, wenn da nicht diese Umweltbelastungen wären bei unseren Reisen. Das Problem haben die Zugvögel nicht. Kein Verbrennen von fossilen Brennstoffen, kein Ausstoß von Treibhausgasen, von Stickoxiden, Rußpartikeln, nicht einmal Kondensstreifen am Himmel. Kann man da noch mit reinem Gewissen Fernreisen verantworten, als Mensch? Auch Kreuzfahrtschiffe sind Dreckschleudern.

Klar, für Vögel stellt sich die Frage nicht. Sie müssen ziehen, um zu überleben. Aber wir? Nicht jeder möchte in heimischen Gefilden Urlaub machen, aber wenn, dann gern mit dem Auto. Wie lange noch mit Diesel? Die Politik könnte Vorgaben machen, die Industrie die Techniken modernisieren zur besseren Luftreinhaltung. Doch wenig Positives passiert, stattdessen ein Gezerre um Softwareupdates, bauliche Änderungen, Fahrverbote. Sogar um die blaue Plakette, die bundesweit einheitlich Rechtssicherheit brächte.

Klar, wir wollen Urlaub, Reisen und eine gesunde Umwelt. Da wäre es angebracht, die negativen Klimawirkungen unserer Mobilität weiter zu reduzieren. Der Klimawandel führt inzwischen dazu, dass manche unserer Zugvögel gar nicht mehr wegziehen, einfach hierbleiben. Aber das ist wohl keine Lösung für uns, die Weltmeister des Reisens. Wo habe ich eigentlich mein Fahrrad hingestellt?

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