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Gastbeitrag zur Atomenergie

Ein Meister aus Deutschland

Die Nutzung der Kernkraft begann in unserem Land. Auch deshalb haben wir eine besondere Verantwortung für den Ausstieg aus der lebensfeindlichen Energie.

Von Michael Müller

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, schrieb Paul Celan in der Todesfuge über die Vernichtung der Juden in den Verbrennungsöfen der Konzentrationslager. Den Holocaust nennt er in seiner lyrischen Aufarbeitung die „schwarze Milch der Frühe“. Auch die Atomkraft, die „schwarze Wolke“ (Erich Fried), ist ein Meister des Todes aus Deutschland. Die erste Kernspaltung gelang nämlich im Dezember 1938 Otto Hahn und Fritz Strassmann im Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie. Sie leitete eine ganz neue Dimension von Gewalt ein, den atomaren Holocaust. Nicht nur Hiroshima und Nagasaki, auch Tschernobyl und jetzt Fukushima wurden zu Orten großer politischer und moralischer Katastrophen.

Die Geschichte der Atomkraft ist eine fatale Mischung aus menschlicher Dummheit und technischem Größenwahn, aus militärischer Macht und wirtschaftlichen Interessen. Zusammen mit dem ungarischen Wissenschaftler Léo Szilárd warnte Albert Einstein bereits im August 1939 in einem Brief an US-Präsident Franklin D. Roosevelt vor einer „Bombe neuer Zerstörungskraft“. Nach Hitlers Überfall auf Polen begann ein Wettlauf der Besessenen. Bei den einen, um den Krieg zu gewinnen, bei den anderen, um ihn zu beenden. In Deutschland wollte eine Gruppe um Werner Heisenberg die Atomspaltung militärisch nutzen. Japan kam dem Bau von Nuklearwaffen sehr nahe. Das dafür vorgesehene Atomkraftwerk bei Tokio wurde 1945 erst kurz vor seiner Inbetriebnahme durch einen Luftangriff zerstört. In der Sowjetunion organisierte Igor Kurtschatow ein Atombombenprojekt.

Die Nase vorn hatten die USA mit dem Manhattan-Projekt, geleitet von Robert Oppenheimer. In Erwartung eines langen Krieges beschloss die US-Regierung am 6. Dezember 1941, einen Tag vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, den Bau von Atomwaffen. Im August 1945 war es so weit. Nach der Kapitulation der europäischen Achsenmächte kamen Ziele wie Berlin und das Industriezentrum Mannheim/Ludwigshafen nicht mehr infrage. Die Bomben fielen auf Hiroshima und Nagasaki. Otto Hahn war entsetzt, Léo Szilárd verurteilte sie als Grausamkeit.

Auch um von der furchtbaren Zerstörungskraft der Atombombe abzulenken, kündigte US-Präsident Dwight D. Eisenhower am 8. Dezember 1953 vor den UN das Programm „Atoms for Peace“ an: „Amerika will Vereinbarungen, keine Kriege zwischen den Nationen, … um den Weg zu finden, mit dem der wundersame Erfindungsreichtum der Menschen nicht dem Tod gewidmet, sondern dem Leben geweiht wird.“ Bei vielen Menschen weckte das eine Faszination, die gewaltigen Kräfte des Atoms für friedliche Ziele zu nutzen: blühende Landschaften schaffen, Armut und Hunger überwinden. Tatsächlich steckt in einem Hühnerei Uran 235 so viel Energie wie in 65 Tanklastern Öl oder fast 100 Güterwaggons mit je 30 Tonnen Steinkohle.

Bei diesen Visionen wurden die Gefahren verdrängt. Obwohl der Entsorgungsnachweis für Atommüll eine zentrale Grundlage für die Genehmigung von Atomkraftwerken ist, wurde er seit mehr als 50 Jahren nirgendwo erbracht. Und der Größte Anzunehmende Unfall, die Kernschmelze, die als „hypothetisches Restrisiko“ abgetan wurde, ist innerhalb nur eines Vierteljahrhunderts zweimal eingetreten. Ganz gleich, ob Atome für den Krieg oder Atome für den Frieden, das ändert nichts an ihrem lebensfeindlichen Charakter.

Seit den 70er und 80er Jahren ist in Deutschland der Widerstand gegen Aufrüstung und Atomenergie eng miteinander verzahnt. Das ist eine Erklärung dafür, warum sich in unserem Land, von dem die Kernspaltung ausging und das in der zweigeteilten Welt von der Atombombe besonders bedroht war, so viele Menschen für Abrüsten und Abschalten einsetzen. Wir haben eine besondere Geschichte und eine besondere Verantwortung, wie Erich Fried sie beschrieb: „Die Wolke darf gar nicht erst steigen. Und steigt sie, so hat auch Dein Schweigen ihr Gewalt verliehen.“

Bisher stützten Blindheit und Bequemlichkeit, Machtstreben und Gier noch immer die Atomkraft. Dabei sind seit Ende der 70er Jahre, seit den Konzepten der Um-weltbewegung für eine Energiewende, konkrete Alternativen bekannt. Aber sie wurden immer von denen bekämpft, die jetzt – wie Angela Merkel oder Norbert Röttgen – vom Geist der Erleuchtung sprechen. Mehr Demut wäre angesagt.

Auch die Klima-Enquete des Bundestages hat schon 1990 detailliert nachgewiesen, dass Klimaschutz und Atomausstieg innerhalb weniger Jahre machbar und für Verbraucher vorteilhaft sind. Eine Ökonomie des Vermeidens macht es möglich, alle AKWs in Deutschland bis spätestens 2015 klimaneutral abzuschalten. Möglich ist es, denn die Lektion der Atomkraft ist erst verstanden, wenn heute der gesetzliche Aus-stieg beginnt und es zum Umstieg in die solare 2000-Watt-Gesellschaft kommt.

Michael Müller war Staatssekretär im Bundesumweltministerium und ist heute Vorsitzender der Naturfreunde Deutschlands

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