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Wer nach einer Reise sucht, erhält dann gerne Werbung von Kreuzfahrten. 

Werbe-Algorithmen

Meine Welt, mein Kosmos im Netz

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Jedem seine eigene Werbung, jedem nur die Nachricht, die ihn ohnehin interessiert: Was macht dieser Trend aus der demokratischen Öffentlichkeit? Die Kolumne.

Kaum bucht man einen Flug, schon ploppt Werbung für Kreuzfahrten auf. Kaum schaut man ins Wetter, schon wird die passende Kleidung angeboten. Wer aber mal versucht, den großen Bruder loszuwerden, der im Netz immer die Werbung schickt, die gerade zu den zuletzt besuchten Seiten passt, wird nicht weit kommen. Dann gibt es alternativ nur „nicht-personalisierte“ Werbung.

Finanziers der Werbe-Algorithmen

„Wir dienen Deutschland“, erschien plötzlich am Rande des Wetterberichts. Werbung für die Bundeswehr, alle Wetter. Dann vielleicht doch besser Badehosenreklame im Sommer und Winterstiefelwerbung ab Herbst? Das hätten sie gerne, die Finanziers der Werbe-Algorithmen.

Wenn es bei harmloser Klamottenreklame bleiben würde, könnte man es vielleicht verschmerzen. Tut es aber nicht, schon lange nicht mehr. Wir alle werden ausspioniert von so manchem Portal unseres Vertrauens, zur – harmlos daherkommenden – Optimierung des gefälligen Angebots an uns. Letztlich: zur Stärkung unserer Bindung.

Seit die Daten über unsere persönlichen Geschmäcker das neue Gold der Internetwelt sind, haben alle Anbieter das Gefühl, ohne Personalisierung würden sie aus dem Markt herausfallen. Weil das Publikum, speziell die Jüngeren, es so wollten. Und damit wird’s endgültig ernst.

„Mein ZDF“ gibt’s im Netz auch schon

In einer Mediendebatte sagte neulich jemand: Wenn wir nicht personalisieren, werden wir die Jungen nicht mehr erreichen. Sie wollten gezielt die Texte und die Sendungen empfohlen bekommen, die ihren Interessen entsprechen – und nicht mehr das ganze Programm. Die privaten Medienkonzerne bauen darauf längst ihre Netzgeschäfte auf. Erste Anfänge gibt’s bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Wer sich in Großbritannien unter „My BBC“ anmeldet, wird entsprechend sortiert. „Mein ZDF“ gibt’s im Netz auch schon. „Mein Programm“ heißt es bei der ARD.

Wieder mal wird den Skrupulösen schnell Fortschrittsfeindlichkeit vorgehalten und den Technikbegeisterten bodenlose Naivität. Theoretisch gibt es zwei Sichten. Können wir uns alle künftig nur noch in der Blase unserer eigenen Vorprägungen weiterentwickeln – oder war das vielleicht nicht schon immer so, auch analog, nur dass wir jetzt endlich selbst in die Steuerung eingreifen können?

Perspektivwechsel und Vielfalt garantieren

In Zukunft wird das, was harmlos „künstliche Intelligenz“ heißt, solche Weichen stellen. Es geht derzeit darum, wer dafür die Programmierung macht, wie sie aussieht, wie transparent sie ist, wer sie kontrolliert und wer sie beeinflussen kann. Ob wir selbst das Personalisierungsgeflecht um uns herum jemals wieder durchschauen oder gar beherrschen können. Meine Welt, mein Kosmos im Netz: Meine eigene Schöpfung jedenfalls ist all das heute nicht mehr.

Von der konstruktiv-positiven Sicht her betrachtet: Freien Journalismus wird es in Zukunft nur noch geben, wenn sich Algorithmen durchsetzen, die Perspektivwechsel und Vielfalt garantieren. Die unsere Welt sortieren und präsentieren, nicht nur meine Welt. Im öffentlich-rechtlichen Bereich wird daran gearbeitet, bis hin irgendwann zu individuell einstellbaren Nachrichtenportalen als Gegenkonzept zu den kommerziellen privaten Newsanbietern von Amazon bis Telekom. Mit Datentransparenz und Steuerungschance durch die Nutzer, so weit jedenfalls das Versprechen.

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Ob das eingelöst wird und erst recht ob das Publikum es haben will und ob all das wirklich Mündigkeit erhält, statt die Leute zu lenken, ist eine der großen Zukunftsfragen der offenen Demokratie. Was die Wohlwollenden unter den Zauberlehrlingen nicht werden wegprogrammieren können: Jeder weitere Schritt weg von der allgemeinen Öffentlichkeit, in der alle erst mal das Gleiche sehen und hören, bevor sie sich eine Meinung dazu bilden, schwächt die Chance auf Zusammenhalt. Das Lebensprinzip „Meine Welt“ ist zu eng, um schön und verträglich zu sein.

Der Trend zur Personalisierung bedeutet letztlich: Alle haben ihren eigenen Big Brother. Und merken hoffentlich noch, wer da wen beherrscht.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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