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Stereotypen

Mein Sohn, der Feminist

  • vonSabine Rennefanz
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Will man ein Kind frei von Rollenklischees erziehen, muss man bei der Warenwelt anfangen. Aber warum spielt der Sohn doch irgendwann mit Baggern und Rittern? Die Kolumne.

Die meisten Paare lassen sich schon während der Schwangerschaft sagen, welches Geschlecht ihr Baby haben wird. Das hat Auswirkungen. Soziologen haben festgestellt, dass eine Schwangere die Kindsbewegungen anders beschreibt, sobald sie weiß, was es wird. Die Tritte von Jungs sind dann „kräftig“ und „energisch“. Auch die Umgebung reagiert anders. Wer einen Jungen erwartet, dem wird gratuliert. Worte wie „Stammhalter“ fallen. Auf Babymädchen reagieren die Menschen weicher. „Oh wie süß“, sagen sie. „Ich wünsche Ihnen ein Mädchen“, sagte unser türkischer Nachbar, als ich schwanger war: „Töchter sind besser, sie kümmern sich später im Alter um ihre Eltern.“

Da wussten wir noch nicht, was es werden wird. Wir hatten uns dagegen entschieden, das Geschlecht des Babys vorab zu klären. Jede Schwangerschaft wird so stark kontrolliert und überwacht, wir wollten uns wenigstens eine Überraschung bewahren. Als unser Sohn geboren wurde, nahmen wir uns vor, ihm nichts zu kaufen, was typisch Junge war. Wir wollten ihn frei von diesen Rollenerwartungen erziehen, dass Jungs wild sind und Mädchen sanft. Es sind diese Erwartungen und Klischees, bei denen die Ungleichheit anfängt, oft unbewusst, die sich später fortsetzt und dazu führt, dass Frauen schlechter bezahlte Jobs ergreifen, weniger verdienen, weniger Chefposten besetzen, öfter Opfer von Gewalt werden.

Wenn man die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern will, muss man bei der Erziehung von Jungs anfangen. Er bekam keinen blauen Lkw-Strampler, sondern einen grünen und gelben mit Streifen. Zum ersten Geburtstag schenkten wir ihm ein Xylophon. Zum zweiten Geburtstag bekam er eine Küche. Die Reaktion von Bekannten, das sei doch was für Mädchen, bestärkte uns. Wenn man ein Kind ohne die üblichen Stereotypen und Klischees erziehen will, muss man bei der Warenwelt anfangen. Den Dingen, die einen umgeben. Dann wurde er drei, und ich zweifelte, wie erfolgreich wir waren. Sein Zimmer war vollgestopft mit Autos, Kränen und Garagen. Er hat auch mal eine Puppe bekommen und einen Teddy, aber beides lag unberührt im Regal. Mit der Küche, die er zum zweiten Geburtstag bekam, spielte seine kleine Schwester. Kürzlich durfte er sich zwei Pullover selber aussuchen: Er wählte als Motiv Ritter und Bagger. Tja. Und nun?

Sollte ich ihm eine rosa Zahnbürste kaufen, ihn zum Ballett anmelden? Oder war es schon zu spät? Wird er ein kleiner Macho? Eine Studie der Harvard Business School hat herausgefunden, dass Männer, deren Mütter berufstätig waren, eher gleichberechtigte Vorstellungen haben. Bei uns kocht Papa und macht die Wäsche, Mama macht die Steuer. Wir arbeiten beide. Vielleicht gibt es noch Hoffnung.

Ich lese meinem Sohn oft Judith Kerrs Kinderbuchklassiker vom Tiger vor, der zum Tee kommt. Am Ende, als der Tiger weg ist, steht die Mutter ratlos vor den leeren Schränken und weiß nicht, was sie dem Vater zum Abend kochen soll. Schließlich kommt der Vater nach Hause, mit der rettenden Idee. Er ist der strahlende Held. Man könne doch in ein Lokal gehen, schlägt er vor. An der Stelle machte mein Sohn plötzlich eine Pause und fragte: „Aber warum kommt die Mami nicht von der Arbeit?“

Neulich sagte er, er wolle später Feuerwehrfrau werden. Ich sagte: „Du meinst Feuerwehrmann?“ Er beharrte: „Nein, Feuerwehrfrau.“ Ich denke, ich kann ihm in Sachen Gendergerechtigkeit nichts mehr beibringen.

Sabine Rennefanz ist Autorin.

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