Kolumne

Mein Freund John und die Raketen

  • Petra Kohse
    vonPetra Kohse
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Eine Abiturientin in Neckarsulm, ein Soldat aus den USA: deutsch-amerikanische Freundschaftim Jahr 1985.

Im Sommer kamen sie jeden Morgen gegen neun in Dreierreihen am Freibad vorbeigejoggt, im Takt gehalten von rhythmischem Sprechgesang. Wobei man damals noch nicht „joggen“ sagte. Der Trupp aus der US-Kaserne im schwäbischen Neckarsulm, einer Außenstelle der Wharton Barracks im fünf Kilometer entfernten Heilbronn, betrieb Frühsport, und später am Tag kamen die GIs auch auf die Freibadwiese – in lockeren Badeshorts zum Hawaiihemd, während die deutschen Jungs Mitte der 80er Jahre knappe, enge Modelle bevorzugten.

Für mich selbst begann die deutsch-amerikanische Freundschaft aber nicht am Beckenrand, sondern zwischen den Regalen des örtlichen Quelle-Warenhauses, wo ich manchmal aushalf. Ein großer GI mit geschorenem Kopf irrte herum und suchte „starch“ – Bügelstärke, zu der ich ihm nach einem Umweg über die Abteilung mit den Wörterbüchern auch verhelfen konnte. Natürlich hieß er John.

Wir wohnten nicht weit von der Kaserne, ich traf ihn häufiger und begann freiwillig, englische Vokabeln zu lernen. Anfang 1985 verabschiedete er sich für einige Zeit in ein Manöver, man fragte damals nicht viel und hatte auch kein Smartphone.

Dass auf dem US-Fort Camp Redleg in der Heilbronner Waldheide seit einigen Monaten Pershing-II-Raketen deponiert waren, Mittelstreckengeschosse mit Nuklearköpfen, wusste nicht nur ich damals nicht. Ebenso wenig, dass die Neckarsulmer Artillerieeinheit dafür mit zuständig war. Beides offenbarte sich, als einige Tage später die Nachricht von einem Unfall auf der Waldheide im Radio kam. Am 11. Januar hatte sich während einer Übung der Motor der ersten Stufe einer Pershing-II-Rakete in Brand gesetzt. Glücklicherweise trug sie keinen Sprengkopf. Drei US-Soldaten starben, neun wurden verletzt.

Wenige Wochen später begannen auf der Waldheide die Proteste der Anwohner und friedensbewegter Bürger aus der ganzen Republik. Noch aber hatte ich nur Angst um John, von dem ich weiterhin nichts hörte. Ausgangs- und Nachrichtensperre herrschte in der Kaserne. Und auch später, als er an seinen freien Tagen wieder an der Ecke wartete, sagte er nichts. Aber er war spürbar verstört und durfte mich nicht mehr mit auf das Kasernengelände nehmen. Kein Kino in Originalsprache mehr für die deutsche Abiturientin. Aber dieser GI lebte noch. Und sein Zimmernachbar („room mate“) auch.

Etwa 6000 US-Soldaten waren damals im Heilbronner Raum stationiert. 1992 wurden die Truppen dieser Gegend nach 41 Jahren Schnitzel und Brezel in ihrer Freizeit wieder abgezogen. „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“, hatte 1960 Elvis Presley auf seinem Album „G.I. Blues“ gesungen, das nach seiner zweijährigen Militärzeit im hessischen Friedberg entstand. Zwei Jahre lebte auch Bruce Willis in Deutschland, die ersten beiden seines Lebens, sein Vater diente in Idar-Oberstein, seine Mutter ist Deutsche.

Mit John habe ich, als seine Militärzeit endete und ich nach Berlin zog, noch ein paar Briefe gewechselt. Die Liebe zur englischen Sprache ist geblieben. In den USA war ich nie.

Petra Kohse ist Autorin.

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