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Die Deutsche Bank in Frankfurt.

Kolumne

Deutsche Musterunternehmen

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Wer ist der Nutznießer einer unheilvollen ökonomischen Entwicklung? Kommt es am Ende schlimmer, als es jemals war? Die Kolumne. 

Eigentlich – nun ist es raus – wohnt tief im Grunde meines Herzens ein kleiner Anarchist. Seit Anbeginn meines irdischen Daseins mischt er sich ein und ist mir ein verlässlicher Denker und kluger Lenker. Ich höre immer auf ihn, auch wenn sich mir so manche seiner Ratschläge erst Jahrzehnte später erschließen.

Er war mir also immer eine wertvolle Hilfe. Zur Zeit aber ist der kleine Weise verwirrt. Geschieht doch gerade etwas, das ihn eigentlich in seinen Grundfesten vor Wonne erbeben lassen müsste, doch nichts regt sich in ihm. Warum?

Flaggschiff der globalen Finanzwirtschaft

Schauen wir uns doch mal um. Überall, an allen Ecken und Enden, passiert Ungeheuerliches: Deutsche Großkonzerne demontieren sich reihenweise selbst. Ohne Aufruhr, ohne Demos, ohne Revolution. Still, leise, schleichend – aber wuchtig.

Fangen wir an bei der Deutschen Bank. Einst war sie ein Flaggschiff der globalen Finanzwirtschaft. Heute weist sie ähnliche Strukturen und Geschäftsgebaren auf wie eine international tätige kalabrische Maschinengewehrfamilie – nur stellt sie sich dämlicher an und fliegt laufend auf.

Konkurrenz macht ihr in dieser Disziplin die Automobilindustrie. Dort glänzt man nicht nur mit tollpatschigen Betrügereien bei Verbrauch und Abgasen, sondern räkelte sich wohlig im Tiefschlaf, während die gesamte restliche Welt nach Alternativen zum Verbrennungsmotor lechzte.

Die Deutsche Bahn wurde zum Musterunternehmen in Sachen Pannen, Verspätungen und kundenfeindlicher Preisgestaltung – von der Vernachlässigung des Nah- und Güterverkehrs mal ganz abgesehen.

Inbegriff von Unzuverlässigkeit und Ausbeutung

Die Deutsche Telekom rangiert beim flächendeckenden Mobilfunknetz und Schnelligkeit des Internets weit hinter einer Vielzahl von Entwicklungsländern.

Der Paketdienst DHL wurde zum Inbegriff von Unzuverlässigkeit und Ausbeutung der Beschäftigten und setzt als visuelle Visitenkarten auf eine gigantische Flotte verrosteter und rußender gelb-roter Rappelkisten, während sie als Alibi eine Handvoll selbstgebastelter Elektrokarren durch einige Nobelviertel schickt.

Die Deutsche Lufthansa arbeitet sich in einer der einst so prächtigen Airline unwürdigen Art an Konkurrenzscharmützeln mit Ein-Euro-Luftlinien ab und rutschte im internationalen Qualitätsvergleich noch weiter nach hinten als die Deutsche Fußballnationalmannschaft.

Eine Miele-Waschmaschine geht genauso schnell kaputt wie alle anderen, ist aber immer noch drei Mal teurer. Das sind jetzt nur wenige Beispiele von vielen.

Das System röchelt also und droht zu kollabieren. Doch selbst der eingefleischteste „Macht kaputt, was euch kaputt macht“-Schreier vermag sich nicht darüber zu freuen. Zu verworren ist das alles, zu unüberblickbar – vor allem ist zu ungewiss, wer Nutznießer dieser unheilvollen Entwicklung werden könnte. Denn kommt es am Ende schlimmer, als es jemals war?

So ist halt auch mein kleiner Anarcho ratlos wie nie. Eines aber wird ihn ein wenig trösten: Selbst große Anarchisten wissen nicht weiter. Sagte doch unlängst Altmeister Georg Ringsgwandl, er verstehe überhaupt nicht mehr, was sich da abspielt. Und schlimmer noch: Er befürchte, dass alle Experten, die uns in seriösen Zeitungen und dicken Büchern die Lage erklären wollen, das alles genauso wenig verstehen. Das kann ja heiter werden.

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