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Viele Wälder in Deutschland sollten besser Baumplantagen genannt werden.

Gastbeitrag

Mehr Wildnis wagen!

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Ministerin Klöckner sollte dafür sorgen, den Wald weniger als Plantage für Holz zu nutzen. Natürlichkeit ist wichtig für den Klimaschutz.

Dieser Sommer hat gezeigt: Dem Wald geht es schlecht. Als Lösung gibt Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner auf ihrer Waldkonferenz den Weg frei für massive Aufforstungsprogramme. Damit wiederholt sie die Fehler von gestern. Das beste Rezept für gesunde Wälder lautet: Mehr Wildnis wagen.

Die verheerenden Waldbrände in Brasilien haben uns drastisch vor Augen geführt, welche fundamentale Bedeutung Urwälder für das Leben auf der Erde haben. Sie sind wichtig für die Artenvielfalt, aber auch als Kohlenstoffsenke und Kippelement für das Klima. Nun droht für alle sichtbar auch in Deutschland ein neues Waldsterben. Allerdings mit einem Unterschied: Urwälder gibt es in Deutschland nicht mehr. Von Natur aus wären bei uns mindestens 67 Prozent der Landesfläche mit Buchenwäldern bedeckt, heute sind es nur noch 4,8 Prozent.

Viele Wälder in Deutschland sollten besser Baumplantagen genannt werden. Wegen ihres schnellen Wachstums haben wir seit zwei Jahrhunderten bevorzugt Nadelmonokulturen aus Fichten und Kiefern angepflanzt – auch dort, wo sie von Natur aus nicht vorkämen. Diese naturfernen Wirtschaftsforste sind am schlechtesten gegen die Folgen der Klimakrise wie Dürren und Schädlingsbefall, aber auch Stürme oder Waldbrände gewappnet.

Im 13-Punkte-Plan, den Ministerin Klöckner zur Waldkonferenz vorgelegt hat, steht die „zeitnahe Wiederbewaldung“ hin zu „klimaresilienten, leistungsfähigen Mischwäldern“ im Fokus. Unter dem Mäntelchen von Naturnähe und Nachhaltigkeit sollen Potenziale von heimischen Baumarten genutzt werden, doch auch nicht-heimische Baumarten sollen berücksichtigt werden.

Hier kommt dann zum Beispiel die Douglasie ins Spiel. Die Nordamerikanerin hat auch unter deutschen Förstern Fans. Sie wächst schnell und kommt mit Trockenheit zurecht. Aber das Bundesamt für Naturschutz weist darauf hin, dass sie dazu neigt, heimische Tier- und Pflanzenarten zu verdrängen. Nur wenige heimische Tiere können sie als Nahrung nutzen. Ökologisch nachteilig ist zudem die schlechte Zersetzung ihres Holzes.

Bettina Hoffmann ist Grünen-Bundestagsabgeordnete und Fraktionssprecherin für Umweltpolitik.

Mit ihrem Samen hat sie bereits die Douglasienwolllaus und die Douglasiensamenwespe eingeschleppt, die heute zu den bedeutendsten Samenschädlingen an Nadelbäumen in Europa zählen. Auch ein mutmaßlich geringer Befall von Forstschädlingen hat sich als Irrtum erwiesen. Mittlerweile gibt es auch Borkenkäferarten, die es auf die Douglasie abgesehen haben.

Statt auf schnelle Aufforstungen sollte die Bundesregierung mehr auf eine behutsame und natürliche Entwicklung unserer Wälder setzen. Aufgrund ihrer hohen genetischen Vielfalt haben Naturwälder eine hohe ökologische Flexibilität und sind in der Lage, sich dem Klimawandel anzupassen.

Die in Europa über Jahrtausende vorherrschenden Buchenwälder haben ihre natürliche Ausdehnung von den mediterranen Regionen und dem Balkan bis zu den Britischen Inseln und Skandinavien. Diese Anpassung an unterschiedlichste Natur- und Klimaräume impliziert eine hohe genetische Vielfalt der Buche und ihrer begleitenden Bäume und Sträucher.

Was wir also brauchen, ist mehr Natürlichkeit im Wald. Wir müssen unserem Wald die Zeit geben für die Phasen von Altern, Zerfall und Verjüngung mit Raum für höhlenreiche Bäume und Totholz. Nur so kann sich biologische Vielfalt entfalten – mit Spechten, Waldfledermäusen und Urwaldkäfern. Neu ist diese Idee nicht. Schon 2007 wurde in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt das Ziel ausgegeben, bis 2020 fünf Prozent der Wälder der natürlichen Entwicklung zu überlassen. Doch geschafft ist nicht viel mehr als die Hälfte.

Wenn Julia Klöckner es ernst meint mit dem Kampf gegen die Klimakrise und den Verlust der Artenvielfalt, sollte sie eine Wildnisoffensive in ihren Plan aufnehmen. Sie sollte das Ziel für den Wildnisanteil unserer Wälder auf zehn Prozent verdoppeln. Ihre natürliche Stärke entfalten wilde Wälder am besten, wenn sie mit naturnah bewirtschafteten Wäldern Teil eines zusammenhängenden Biotopverbunds sind, der alle Waldtypen abbildet.

Diese Korridore für das Leben sollten mindestens 30 Prozent unserer Wälder umfassen. Damit die letzten alten Wälder unseres Naturerbes eingebunden werden können, müssen sie durch ein Einschlagsmoratorium gesichert werden. Sie haben viel Kohlenstoff gebunden und die Bindungsrate ist weiterhin hoch. Finanziell untermauert werden sollte dies mit einem Wildnisfonds in Höhe von 500 Millionen Euro.

Eine solche Wildnisoffensive wäre nicht nur von großem Wert für ein gesundes und erlebenswertes Ökosystem vor unseren Haustüren. Sie würde auch dafür sorgen, dass unser Wald besser geschützt wäre vor den Folgen der Klimaerhitzung. Deutschland wäre zudem mit dieser Offensive bei Verhandlungen um den Erhalt von Urwäldern in anderen Ländern der Erde glaubwürdig.

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