Gastbeitrag

NRW hat mehr verdient

Andere Bundesländer wie Bayern haben einen Plan, um das Land voranzubringen. Das fehlt Nordrhein-Westfalen. Der Gastbeitrag.

Von Peter Pauls

Es ist ein verzagter Riese, der 70 Jahre alt wird. So jedenfalls muss einem Nordrhein-Westfalen vorkommen, wenn man Statistiken liest und die politische Führung des Landes hört. In Wirtschaftsleistung, Bildungspolitik und der Arbeitslosenquote etwa nimmt NRW hintere bis letzte Positionen unter den westdeutschen Flächenstaaten ein. Gepunktet wird hingegen allein mit schierer Größe. Der Zahl der Einwohner, der Fläche oder der Konzentration an städtischem Raum. NRW ist allein durch Größe bedeutsam und taugt, jede nationale Statistik herunter zu ziehen.

So steht eine gewisse Melancholie Pate, wenn der britische Prinz William Ehrengast des Festakts in Düsseldorf ist. Die Stimmung wird befeuert von der Opfer-Rhetorik der Ministerpräsidentin, Hannelore Kraft. Bundesregierung, Energiewende und der industrielle Wandel liefern Gründe für das bestenfalls durchschnittliche Abschneiden des Geburtstagskindes.

Hat man die falsche Brille aufgesetzt, verkehren Vorzüge sich auch leicht ins Gegenteil. Sicher fehlt dem Land die Identität. Kölnern etwa ist Holland näher als das ost-westfälische Bielefeld. Aber das ist auch immer eine Stärke gewesen: dass NRW eine Nation in ihrer Vielfalt im kleinen und die Wirtschaft diversifiziert ist. Bis 1999 barg das Land noch die Hauptstadtfunktion und mancher erinnert sich angesichts Berliner Regierungs-Paläste und ministerialer Beton-Landschaften gerne an die bescheidene Bonner Republik.

NRW weist breite wirtschaftliche Vielfalt auf. Maschinenbau im Sauerland und im Bergischen, High-Tech und Möbelindustrie in Ost-Westfalen ebenso wie Landwirtschaftsbetriebe, Verwaltung in Düsseldorf, Versicherungs- und Autoindustrie in Köln. Doch diese unvollkommene Aufzählung wird stets in den Schatten gestellt von der Schwer- und Kohleindustrie des Ruhrgebiets. Sie bildete mit einer gewerkschaftlich gebundenen SPD das typische Ruhrgebiet Amalgam, dass sich Wechsel und Wandel mit der Beschwörung des Vergangenen verlässlich in den Weg stellt.

Während die Textilindustrie in Westfalen sang- und klanglos verschwand und in der Folge moderne Firmen dort Fuß fassten, musste mit erbittertem Widerstand rechnen, wer die Kohleindustrie auch nur vorsichtig in Frage stellte. Dabei hatte sie 1956 bereits ihre erste Krise erlebt. Kein Politiker konnte es sich leisten, nicht von Ruß geschwärzt aus einem Schacht aufzufahren und die Bilder des Langzeit-Ministerpräsidenten Johannes Rau mit diversen Bergmannschören gehören zur Ikonografie ebenso wie zur Bewusstseinsbildung dieser Region.

Heute zahlt die Ruhr- Region die Zeche. Es bedarf eines Kabarettisten wie Jürgen Becker, um diese Mentalität als das zu benennen, was sie ist: „Rückwärtsgewandt“, hat der Kölner das im Gespräch mit der Ministerpräsidentin in der FR genannt. Becker vermisst, wie so viele andere, eine Vorstellung von Zukunft, wie er sie etwa in Paderborn im Nixdorf-Museum findet.

Mag sein, dass das Gründungs-Bewusstsein trügerisch war. NRW war herausgehoben und begünstigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die ehemalige Waffenschmiede der Taktgeber für den Wiederaufbau Deutschlands, dass sich seinerzeit noch stark über seine Länder definierte und sich eine nationale Identität erst erarbeiten musste. Doch Stolz und Identität vergangener Tage haben eher gelähmt als den Wandel befördert.

Es waren Globalisierung und Digitalisierung, die den Riesen NRW aus dem Tritt brachten. Wolfgang Clement (damals SPD) und Jürgen Rüttgers (CDU) hatten abseits aller operativen Schwächen zumindest einen Modernisierungsanspruch. Der forsche Clement zog mit seiner Staatskanzlei gar in ein modernes Büro-Hochhaus, um diesen Anspruch zu untermauern. Hannelore Kraft ist eine rechtschaffene Politikerin, die in guten Stunden vermittelnd und integrierend zu wirken weiß. Aber ihre Partei würde einen großen Fehler machen, sollte sie die allgemeine Suchen nach Heimat und Identität, die auch die mediale Wirkung des NRW-Geburtstages erklärt, sich selbst zugute schreiben.

Die Situation in NRW ist unübersichtlich. Das Land ist schwer zu fassen mit seinen Elementen Landwirtschaft, Schwer- und Energieindustrie sowie den Schreibtischjobs. Dieses Bunte wird nicht als stärkende Vielfalt kommuniziert, als Teil einer Planung oder Vision. Eher verkommt es zum Bestandteil von Sonntagsreden, in denen die verschiedenen Landstriche auf Klischee-Darstellungen ihrer Bewohner reduziert werden. „Nordrhein-Westfalen braucht für seine Zukunft die Zuverlässigkeit der Rheinländer, die Leichtigkeit der Westfalen und die Großzügigkeit der Lipper,“ hat Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) einmal gut gelaunt gesagt.

Das ist Jahrzehnte her und im Angesicht internationaler Aufgabenstellungen eher Indiz dafür, wie onkelhaft man als Ministerpräsident früher noch bestehen konnte. Dass Angela Merkel diesen Satz anlässlich des Festakts zum 70-jährigen Bestehen des Landes zitierte, sagt viel über das Regierungs-Verständnis der Kanzlerin und gibt Ministerpräsidentin Kraft die Gewissheit, nicht allein zu sein.

Man mag über die Selbstdarstellung Bayerns lachen. Doch verbindet man „Laptop und Lederhose“ mit der erfolgreichen Wirtschaftspolitik aus dem Süden, die mit einer konsequenten Schul- und Universitätspolitik begann. Baden-Württemberger sagen stolz, sie könnten alles, nur nicht hochdeutsch. Und was sagt NRW? Dass es das Land der Mitte sei, dort wo der Durchschnitt zuhause ist? Zu seinem 70. Geburtstag hat NRW mehr verdient.

Peter Pauls ist Chefredakteur des Kölner Stadtanzeigers und war viele Jahre Afrika-Korrespondent, neben anderen auch für die FR.

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