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Weihnachten ist ein kollektiver Sehnsuchtsort, gern nostalgisch verbrämt und gefühlt voller Frieden und Eintracht.

Leitkultur

Was mehr taugt als Heimattümelei

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Glaube, Liebe und Hoffnung sind in Krisenzeiten lebensnotwendig. Sie dienen als Orientierung. Besser, als mit Heimattümelei anzukommen. Unser Leitartikel.

Hiraeth nennen es die Waliser. Hiraeth beschreibt die Sehnsucht nach einem Ort, an den man nicht zurückkehren kann, erzählt vom Verlangen nach der verlorenen Heimat, selbst wenn es sie in der Vergangenheit so nie gegeben hat. Traurig und wehmütig klingt dieses Wort, das sich jeder einfachen Übersetzung in eine andere Sprache entzieht.

Auch Weihnachten hat etwas von dieser Hiraeth-Anmutung. Trotz Kommerz und Instrumentalisierung, Merry-Christmas-Gedudel und Betriebsfeier-Gedöns. Weihnachten ist ein kollektiver Sehnsuchtsort, gern nostalgisch verbrämt und gefühlt voller Frieden und Eintracht. Selbst wenn – oder gerade weil – die Welt ständig irgendwo in Trümmern liegt.

Apropos Trümmer: Wen wundert’s, dass auch die SPD, pünktlich zum Fest, dieses Thema entdeckt und uns Sehnsuchtsorte präsentiert. Ihr geschäftsführender Außenminister Sigmar Gabriel sinniert über das Bedürfnis nach Heimat und findet sie in einem Gesellschaftsmodell, das Sicherheit und Orientierung verspricht, wo der Kapitalismus gezähmt und das Gemeinwohl gefördert wird. Wer wollte da widersprechen?

Aber der Sozialdemokrat Gabriel will noch mehr: Grundiert werden soll das Ganze mit einer deutschen Leitkultur, um so den davongelaufenen Wählern wieder ein Zuhause zu bieten. Dumm nur, dass viele seiner Genossinnen und Genossen von einem derart zusammengezimmerten Haus nichts wissen wollen.

Gabriel versucht hier, den Rechten und Konservativen einige Begriffe zu entreißen, die er für identitätsstiftend hält. Ein ähnliches Unterfangen hatten ja bereits die Grünen nach der Bundestagswahl gestartet. Die Sehnsucht nach Heimat sei nicht reaktionär, könne allerdings für eine reaktionäre Agenda missbraucht werden, erklärte seinerzeit Katrin Göring-Eckardt, Fraktionschefin der Grünen.

Glaube, Liebe, Hoffnung

Womit sie das Dilemma treffend beschreibt. Es ist schon erstaunlich, wie rückwärtsgewandt unsere Politikerinnen und Politiker blicken, während sie angeblich nach vorne denken. Wie wenig sie darauf vertrauen, künftige Sehnsuchtsorte entwerfen zu können, die nicht aus vielfach missbrauchten Phrasen bestehen. Und die nicht wie die Leitkultur verdammt streng nach deutschen Sekundärtugenden riechen.

Nichts spricht dagegen, sich beim Guten in der Vergangenheit zu bedienen und es neu zu entwickeln. Wäre zum Beispiel doch schön, wenn die Sozialdemokraten mal ernsthaft versuchen würden, den globalen Kapitalismus zu zähmen, und dabei Anleihen am alten rheinischen Kapitalismus machen würden.

Schließlich bezweifelt ja niemand, dass Sicherheit und Orientierung, Behaustheit und Identitätssuche zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehören. Und nur Rechtsausleger bestreiten, dass eine demokratische Politik fördern muss, was die ganze Gesellschaft verbindet und zusammenhält – Zuwanderer eingeschlossen. Doch Hiraeth, die Sehnsucht nach dem vergangenen, eigentlich nie gesehenen Ort, kann kaum eine Antwort auf diese Anliegen sein.

Wie wäre es deshalb – wenn schon Weihnachten ist – mit einem anderen Gedankenspiel und ein paar echten Tugendbegriffen? Glaube, Liebe, Hoffnung etwa. Zugegeben, das klingt auf den ersten Blick auch nicht gerade nach frisch aus dem Ofen, hat aber jede Menge Potenzial, wie US-amerikanische Ökonomen herausgefunden haben. Denn diese Tugenden würden letztlich die Wirtschaft treiben – was sich durchaus auch auf den politischen Bereich übertragen lässt.

Gerade in Krisenzeiten, so die Wissenschaftler, sind Glaube, Liebe, Hoffnung überlebensnotwendig. Und wer wollte behaupten, dass sich die Welt nicht im Krisenmodus befindet? Denn der Glaube an ein Jenseits unterstütze den sozialen Frieden im Diesseits; er fördere mitmenschliches Verhalten und diene so dem Gemeinwohl. Müsste man angesichts dieser Forschungsergebnisse den Glauben an ein dies- oder jenseitiges Paradies nicht glatt zur Bürgerpflicht erheben?

Vertrauen schaffen ein Zukunftsprojekt

Kommen wir zur Liebe, die man auch als Vertrauen interpretieren kann. Und dann stellt sich schnell heraus: ohne Vertrauen läuft gar nichts. Weder in der Wirtschaft noch in der Politik oder Gesellschaft. Nicht umsonst wird der grassierende Rechtspopulismus unter anderem mit dem Vertrauensverlust in Institutionen, Medien und politische Akteure begründet. Vertrauen zu schaffen wäre demnach ein echtes Zukunftsprojekt.

Doch getrieben wird alles von der Hoffnung. Sie ist nicht nur der Motor für Unternehmerinnen und Unternehmer, sondern kann auch jeden Einzelnen kräftig anspornen. Wo Hoffnungslosigkeit herrscht, friert alles ein.

Das Prinzip Hoffnung hingegen hilft uns zu denken, was noch nicht ist, aber sein kann. Eine gerechtere Welt, ein friedliches Miteinander, eine gute Zukunft für die Kinder. Ohne Hoffnung lebt es sich in den schlechten Tag hinein. Wer hingegen Hoffnung hat, ist bereit in die Zukunft zu investieren – auch in die der Gesellschaft.

Das ist doch wohl eine bessere Idee, als mit Heimattümelei anzukommen. Eine Leitkultur aus Glaube, Liebe, Hoffnung, das wäre doch was – wenigstens zu Weihnachten.

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