Leitartikel

Mehr Patente

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Hierzulande wird nicht so viel erfunden wie in China, den USA und Südkorea. Das sollten hiesige Unternehmen ändern, mit mehr Mut und Hunger nach Neuem. Der Leitartikel.

Es schien ein hoffnungsloser Fall zu sein. Die Forscher in Asien sammelten Patente wie andere Leute Briefmarken. Die deutschen Unternehmen sahen daneben ein bisschen alt aus, und jedes Jahr wurde der Abstand nur noch größer. Der Hightech-Zug schien ohne sie abzufahren, Politik und Industrielobby malten düstere Zukunftsgemälde. Es waren die Neunzigerjahre, und Japans Industrie galt als größte Bedrohung des europäischen Wohlstands.

Wenig später platzte in Japan eine Immobilienblase, Alterung und überkommene Strukturen der Gesellschaft bremsten die wirtschaftliche Erholung. Die Folgen hat das Land bis heute nicht in den Griff bekommen. Die Japaner sind technologisch immer noch weit vorn und gelten trotzdem als Inbegriff von Ratlosigkeit und Stagnation. Die scheinbar abgeschlagene deutsche Industrie hat dagegen technologisch Maßstäbe gesetzt und goldene Jahre hinter sich.

Keine Panik, könnte man also angesichts der nächsten Herausforderung sagen. Denn wieder macht ein asiatisches Land Schlagzeilen mit seinem Erfolg: Nach Zählung der Weltorganisation für Geistiges Eigentum (Wipo) wurden im vergangenen Jahr knapp die Hälfte der weltweit gut drei Millionen Patente für chinesische Erfindungen vergeben. Die USA folgen weit abgeschlagen auf Platz zwei, dann Japan, Südkorea und – wieder mit großem Abstand – Deutschland. Selbst ganz Europa zusammengenommen liegt noch hinter den Südkoreanern.

Nicht einmal ein Jahrzehnt hat China gebraucht, um die etablierten Technologienationen in dieser Disziplin weit hinter sich zu lassen. Das alte Wirtschaftsmodell der verlängerten Werkbank für ausländische Investoren ist abgelöst worden durch eigene Unternehmen für eigene Produkte.

Schon lange berichten westliche Manager ehrfürchtig von den Massen an Ingenieuren, die jedes Jahr chinesische Hochschulen verlassen, von ihrem Können und ihrem Ehrgeiz. Hat das bevölkerungsreichste Land der Welt einmal seinen technologischen Rückstand aufgeholt, wird es wohl kaum eine wirtschaftliche Rangliste geben, die China nicht anführt. Deshalb ziehen die Vereinigten Staaten in den Handelskrieg.

Das Ergebnis der chinesischen Anstrengung ist nicht ausgemacht, Parallelen zu Japan sind frappierend – von den demografischen Problemen bis zur überkommenen Gesellschaftsordnung, von der Immobilienblase bis zu den künstlich aufgeblähten Patent-Statistiken. Denn man sollte es nicht mit jeder Zahl so genau nehmen, die da aufgeregt herumgereicht wird.

Oft sind es regionale Patente, die für den Rest der Welt wenig bedeuten. Viele schützen uninteressante Technik, nicht selten werden Erfindungen systematisch in möglichst viele Patente aufgeteilt, um die Statistik zu polieren. Das hat gerade in Ländern mit viel staatlichem Einfluss auf die Wirtschaft große Tradition. China macht es so, Japan hat es vorgemacht und die Sowjetunion auch: Von 1964 bis 1969 führte sie die weltweite Patentstatistik an – während sie technologisch den Anschluss verlor.

Die Zahl der Patente sagt also wenig über technologische Qualität, aber viel über Ehrgeiz. Und der ist im Falle Chinas gigantisch. Haben die Europäer vor einem Jahrhundert die Technologien der Zukunft entwickelt und die Amerikaner vor einem halben, sehen sich nun die Chinesen an der Reihe.

Kratzt man die statistische Kosmetik ab, bleiben führende Positionen bei Themen wie Künstlicher Intelligenz und Gentechnik. Nicht zufällig sind es gesellschaftlich umstrittene Technologien – Zyniker würden von einem Wettbewerbsvorteil sprechen: Chinas Gesellschaft darf nicht streiten.

Das kann nicht der europäische Weg sein, technologisch und wirtschaftlich mitzuhalten, im Gegenteil: Die Beispiele des Scheiterns zeigen, dass Innovation individuelle und gesellschaftliche Freiheit braucht.

Die muss man allerdings auch nutzen wollen. Dass Europa in der Patentstatistik – und auf einigen Feldern auch tatsächlich – nicht mehr mithält, hat wenig mit einem Mangel an Fähigkeiten oder Ressourcen zu tun. Es fehlt am Mut zum Risiko und am Hunger nach Neuem, wie sie derzeit China vorantreiben. Europa hatte sie vor hundert Jahren.

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