Pädophilie

Mehr als nur ein Mädchen

  • schließen

Eine Tournee von Gilbert O‘Sullivan weckt die Frage: Ist sein Hit „Clair“ ein pädophiles Lied? Die Kolumne. 

Vor einigen Tagen schickte ein Konzertveranstalter Informationsmaterial. Gilbert O‘Sullivan kommt auf Deutschlandtournee, er feiert sein 50-jähriges Bühnenjubiläum. Ende des Jahres wird er 73 Jahre alt.

Ich habe sofort eine kleine Umfrage gemacht. Den Sänger kannten alle, zumindest in der Alterskohorte 50+. Einige begannen sofort, Melodien zu summen. „Alone again“, „Get down“, andere bemerkten, sie hätten ihn immer als etwas zu seicht empfunden.

Weil ich gern meine Geschmacksnerven überprüfe, habe ich mir einige Videos angesehen. „Clair“ zum Beispiel: „The moment I met you, I swear …“. Ein Gefühl von Teenagerliebe stieg empor, noch heute wird „Clair“ hin und wieder im Radio gespielt. Das sei ein Liebeslied mit unglücklichem Ende, heißt es in dem Internetportal Songfacts.com, auf dem die Geschichte von Tausenden Popsongs erzählt wird.

„Alas, this is a love song.“ Tatsächlich handelt „Clair“ von der platonischen Beziehung des lyrischen Ichs zu einem vierjährigen Mädchen. Clair gibt es wirklich, sie ist die Tochter von Gilbert O’Sullivans Produzenten Gordon Mills, bei dem der junge Gilbert gelegentlich als Babysitter beschäftigt war.

„Clair“ erschien 1972 auf dem Album „Back to Front“. Die Kollegen, die ich befragt habe, räumten ein, genau wie ich, nie auf den Text geachtet zu haben. Er schere sich nicht um das, was die Leute sagten, singt Gilbert O’Sullivan. Für ihn sei Clair sehr viel mehr als nur ein Kind: „To me you are more than a child.“ Ein Verstoß gegen gesellschaftliche Konventionen war dem singenden Ich wohl bewusst.

Das unglückliche Ende, das auf songfacts.com angesprochen wird, bezieht sich indes auf einen mehrjährigen Streit zwischen Mills und O’Sullivan. Es ging um die Vergütung des wirtschaftlichen Erfolgs, im Mai 1982 bekam O’Sullivan sieben Millionen Pfund Entschädigung zugesprochen.

Eine Diskussion über den Inhalt des Liedes fand allenfalls vereinzelt auf Internetportalen statt. Auf einer Liste, in der „Creepy Pedophile Songs“ (gruslige pädophile Lieder) verzeichnet sind, steht „Clair“ weit oben, mit auf der Liste Ringo Starrs „Sweet Sixteen, You’re So beautiful (and you are mine“).

Auf den Portalen, auf denen man „Clair“ samt eines Videos abspielen kann, in dem Mädchen und O’Sullivan beim Lachen und Toben zu sehen sind, finden sich zahlreiche Nutzerkommentare, die sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass „Clair“ von einer pädophilen Beziehung handle.

Die meisten nehmen den Sänger in Schutz, einige verweisen auf die schmutzige Fantasie derer, die in dem Lied pädophile Motive zu entdecken meinen. Einer führt an, im Auftrag von Clair Mills zu sprechen. Sie fühle sich durch die Diskussion verletzt, nicht aber durch den Sänger, an den sie nur gute Erinnerungen habe. Abwehrkämpfe, Überzeugungsprosa.

Fast fünfzig Jahre später fällt an einem Lied wie „Clair“ auf, wie sehr sich die gesellschaftlichen Einstellungen zum Verhältnis von Kindern und Erwachsenen gewandelt haben. Als „Clair“ im Radio lief, feierten auch die weichgezeichneten Jungmädchenträume des Fotografen David Hamilton große Kinoerfolge. Diese kleine Recherche hier zeigt, wie anhaltend stark das Bedürfnis zu sein scheint, die eigene Erinnerung zu verklären.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare