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Ohne Speicher wird eine erneuerbare  Energiewelt nicht auskommen. Das Bild zeigt Elektrolyte-Tanks einer Redox-Flow-Batterie, aufgenommen im Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie ICT in Pfinztal. Die Flüssigkeitsbatterie soll 20 Megawattstunden Strom von einem Windrad aufnehmen

Gastbeitrag

Mehr Geld, weniger Kohlekraftwerke

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Deutschland und die EU haben mit der angestrebten Klimaneutralität ein wichtiges Zeichen gesetzt. Das wird nicht reichen. Der Gastbeitrag.

Uns eint die Sorge, dass die menschengemachte Erderhitzung nicht entschieden genug bekämpft wird. Gerade angesichts der Diskussion um den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland drängt sich der Eindruck auf, dass die Dimension der Klimakrise und die Notwendigkeit zu handeln, nicht verstanden wird. Dies gilt auch in der Corona-Krise.

Die Europäische Union (EU) und Deutschland haben mit dem Ziel Klimaneutralität bis 2050 ein wichtiges Zeichen gesetzt. Dies bedeutet, dass niemand mehr auf Schlupflöcher setzen kann. Dieses Signal ist in der Industrie angekommen. Den Investoren ist es ziemlich egal, wie rasch der Ausstieg regierungsseitig geplant wird. Was sie interessiert, ist, wie profitabel sich die Dekarbonisierung entwickelt und wie risikobehaftet fossile Investitionen sind.

Aktuell wird in der EU eine Verschärfung der Klimaziele bis 2030 diskutiert. Auch dieser Vorschlag wird kritisiert, er sei nicht ambitioniert genug. Die EU geht durchaus überlegt vor. Bislang gibt sie einen klugen und berechenbaren Pfad im Emissionshandel vor, der durch Effizienzgewinne und den Einsatz Erneuerbarer nicht zu Wohlstandsverlusten führen wird. Jetzt muss dieser Weg beschleunigt und mit einer klugen Transformationsstrategie für die energieintensive Industrie verbunden werden. Wichtig ist, dass Ambition und Akzeptanz Hand in Hand gehen.

Auch Deutschland muss sich auf verschärfte Ziele für 2030 in den Sektoren einstellen, für die wir national verantwortlich sind, vor allem Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft. Deutlich gesteigerte Klimaschutzziele sind zu erreichen, wenn wir Effizienz ganzheitlich denken und neu definieren sowie die richtigen Preissignale senden.

Eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme zeigt, dass Klimaneutralität über verschiedene Pfade erreicht werden kann. Am günstigsten ist ein Pfad der Effizienz. Zu einer Effizienzstrategie gehört es auch, die vorhandene Infrastruktur möglichst gut zu nutzen. Ohne Speicher wird eine erneuerbare und damit volatile Energiewelt nicht auskommen. Quartierslösungen sind besonders effizient, und die integrierte Planung und der Betrieb von Strom-, Gas- und Wärmenetzen sind der beste Weg zur Dekarbonisierung unseres Landes.

Speicher bieten die Chance, diese Netze besser auszunutzen und effizienter zu betreiben. Wasserstoff aus erneuerbaren Energien wird eine Schlüsselrolle als Langfristspeicher und Rohstoff für die Industrie spielen.

Verbraucherinnen und Verbraucher müssen aktive Teilhaber der Energiewende werden, wie dies die EU von 2021 an ohnehin fordert. Die klimafreundliche Stromerzeugung und -verwendung muss für alle schnell, einfach und kostengünstig sein.

Der Ansatz der „Energiewende von unten“ berücksichtigt die regionalen Gegebenheiten und stülpt nicht einfach eine vorgebliche Standardlösung über alles. Bei Null-Emission von fossilem Kohlendioxid (CO2) dürfen keine Abgaben auf Erzeugung und Speicherung anfallen und bürokratische Hürden gegen die dezentrale Erzeugung sind abzubauen. Wir brauchen ein Jahrzehnt des beschleunigten Ausbaus der Erneuerbaren mit Zubauten von mehr als 20 Gigawatt pro Jahr in Deutschland. Dies ist ein wichtiges Investitionsprogramm zur Sicherung des Wirtschaftsstandortes Deutschland.

So können bis 2030 deutlich verschärfte Klimaziele von mindestens 55 Prozent in der Europäischen Union und über 60 Prozent in Deutschland ohne soziale und wirtschaftliche Verwerfungen erreicht werden. Dies wird jedoch für das Weltklima nicht ausreichend sein, wenn zugleich nur ein Bruchteil der weltweit geplanten 1400 Kohlekraftwerke ans Netz gehen sollte.

Die Vorbildwirkung der EU und Deutschlands allein reicht nicht aus. Zur Wahrheit gehört auch, dass die alten Industrieländer ihr CO2-Budget schon weitgehend verbraucht haben. Es wird daher Zeit, diesen Budgetansatz in veränderter Form wieder in die Diskussion zu bringen.

Die EU sollte über ein Klimaschutzziel „55 plus“ nachdenken und das Plus in den nächsten zehn Jahren durch den Kauf von Lizenzen ausgleichen. Unser Vorschlag ist ein „fair climate deal“ – die Entwicklungsländer investieren in erneuerbare Energien und Effizienz, verzichten auf den Bau von Kohlekraftwerken und erhalten im Gegenzug dafür eine finanzielle Kompensation durch die Weltbank oder die EU.

Dies wäre wirklich fair und eine echte „Win-win-Situation“ für das Klima und die hier lebenden Menschen. Zusammen mit den Maßnahmen in der Europäischen Union wäre dies auch ein sinnvolles Programm für die Wiederbelebung der Weltwirtschaft.

Polina Gordienko ist Studentin der Volkswirtschaftslehre und Philosophie sowie SPD-Kommunalpolitikerin in München.

Ernst Ulrich von Weizsäcker ist Physiker und Biologie.

Klaus Mindrup ist SPD-Bundestagsabgeordneter und Biologe.

Die Autoren stammen aus drei Generationen. Gordienko ist 1999 geboren, Mindrup 1964, von Weizsäcker 1939.

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