Gastbeitrag

Mehr Geld für ein gutes Studium

An den Universitäten in Deutschland ist die Lehre viel zu schlecht ausgestattet. Die Politik muss dafür sorgen, dass sich das dauerhaft ändert.

Anfang 2019 in der „Bildungsrepublik Deutschland“: Wer einen Studienplatz ergattert hat, ist mit teils katastrophalen Bedingungen konfrontiert. An den Universitäten kommen 60 Studierende auf eine Professorin oder einen Professor. In den Geisteswissenschaften sind es sogar 74, in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 93 Studis auf einen Prof.

Der Grund: Immer mehr Studienberechtigte studieren auch, doch der Ausbau der Hochschulen hält damit nicht Schritt. Bund und Länder versuchten zwar, mit dem Hochschulpakt 2020 gegenzusteuern – aber ohne nachhaltigen Erfolg. Sie gingen davon aus, dass ein vorübergehender „Studierendenberg“ zu untertunneln sei. Wenn erst die doppelten Abiturjahrgänge durchgeschleust seien und sich die Folgen der Aussetzung der Wehrpflicht eingependelt hätten, gingen auch die Studierendenzahlen wieder zurück, lautete das Kalkül.

Insbesondere blendeten Bund und Länder aus, dass die Bildungsbeteiligung stetig wächst. Waren es vor zehn Jahren knapp 40 Prozent eines Altersjahrgangs, die ein Hochschulstudium aufnahmen, sind es heute mehr als 60 Prozent. Waren es vor einer Dekade 360 000 Studienanfängerinnen und Studienanfänger im Jahr, kommen heute über 500 000 junge Menschen an die Hochschulen. Nach jüngsten Prognosen bleibt es mindestens bis 2050 bei diesem hohen Niveau.

Zwar hat der Hochschulpakt 2020 mit dazu beigetragen, dass überhaupt so viele zusätzliche junge Menschen studieren können. Doch die Kosten für einen Studienplatz sind mit 26 000 Euro viel zu niedrig kalkuliert – das Statistische Bundesamt beziffert sie auf über 50 000 Euro. Hinzu kommt, dass Bund und Länder im Hochschulpakt nur für 50 Prozent aller Bachelor-Studierenden einen Master-Studienplatz einplanen. Tatsächlich möchten aber über 80 Prozent der Studis an Universitäten weiterstudieren.

Auch der Wissenschaftsrat, das offizielle Beratungsgremium von Bund und Ländern, kritisiert, dass der Hochschulpakt 2020 nichts dazu beigetragen habe, die Betreuungsrelation zwischen Professoren und Studierenden zu verbessern. Doch damit nicht genug: Der Hochschulpakt hat zu einem massiven Anstieg der befristeten Beschäftigungsverhältnisse geführt. Neun von zehn wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werden mit einem Zeitvertrag abgespeist. Über die Hälfte der Zeitverträge hat eine Laufzeit von weniger als einem Jahr. Hinzu kommen bundesweit rund 100 000 Lehrbeauftragte, die stundenweise bezahlt werden oder sogar unentgeltlich arbeiten. Das gefährdet die Kontinuität und damit die Qualität der Lehre.

Der Hochschulpakt darf 2020 nicht sang- und klanglos auslaufen, sondern muss verstetigt und verbessert werden. Ein neuer Hochschulpakt muss her! Dieser soll auf unbestimmte Zeit laufen und kostendeckend ausfinanziert sein. Die Kosten eines Studienplatzes müssen vom ersten Semester bis zum Masterabschluss abgedeckt sein.

Studierende brauchen bessere Betreuungsrelationen. An den Schweizer Universitäten gilt ein Richtwert von 1:40 für das Verhältnis von Professuren und Studierenden. Das ist auch eine sinnvolle Orientierung für die Personalausstattung an deutschen Unis.

Die Finanzierung des neuen Hochschulpakts muss dynamisiert werden. Beim Pakt für Forschung und Innovation hat sich die große Koalition bereits festgelegt, dass das Budget jährlich um mindestens drei Prozent wächst. Bund und Länder müssen jetzt unter Beweis stellen, dass ihnen die Lehre genauso wichtig ist wie die Forschung. Auch die Mittel für den neuen Hochschulpakt müssen jährlich um mindestens drei Prozent steigen.

Daueraufgaben in der Lehre müssen auf Dauerstellen erledigt werden. Die Hochschulen müssen verpflichtet werden, die Mittel aus dem Hochschulpakt für feste Stellen in der Lehre einzusetzen.

Wenn Bund und Länder darüber hinaus mit dem „Qualitätspakt Lehre“ Anreize für innovative Lehre oder bessere hochschuldidaktische Fort- und Weiterbildungsangebote setzen möchten – umso besser. Der Ausbau des Qualitätspakts darf aber nicht auf Kosten des Hochschulpakts gehen.

Es wäre ein Irrweg, die Finanzierung von Lehre und Studium an der Logik der Exzellenzstrategie zu orientieren. Alle Studierenden haben gute Studienbedingungen und hochwertige Lehre verdient – nicht nur eine kleine Elite an ausgewählten Spitzenuniversitäten. Bund und Länder müssen daher zuerst für eine bessere Grundfinanzierung der Hochschulen in der Fläche sorgen. Erst auf dieser Grundlage können Anreize für besonders gute Betreuungskonzepte oder moderne Lehrmethoden ihre Wirkung entfalten. Grundfinanzierung first, Projektförderung second.

Andreas Keller ist Vize-Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

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