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Ein Überlebender, zum 75. Jahrestag der Befreiung zurückgekehrt nach Auschwitz.

Gastbeitrag

Mehr als Gedenken

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Wir müssen an den Holocaust erinnern und zugleich den Antisemitismus bekämpfen. Das ist das Ziel der Europäischen Kommission. Der Gastbeitrag.

Weniger als ein Kilometer trennt die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau vom Haupteingangsgebäude des gleichnamigen NS-Konzentrationslagers. Der Besucher kann diese Entfernung innerhalb von zehn Minuten zurücklegen. Aber es ist ein schwerer Gang.

In diesem Jahr jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 75. Mal. Innerhalb und außerhalb Europas fand und findet eine Fülle von Gedenkveranstaltungen statt – ein wichtiger Anlass, den sechs Millionen Juden und den anderen Menschen, die wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Identität oder ihrer Weltanschauung von den Nazis ermordet wurden, Ehre zu erweisen. Ein Anlass, über die Schoah und ihre Folgen bis in die Gesellschaften unserer heutigen Zeit nachzudenken.

Doch ist es mit dem Gedenken allein nicht getan. Am 23. Januar gaben die Präsidenten der Europäischen Kommission, des Europäischen Rates und des Europäischen Parlaments auf dem Fünften Welt-Holocaust-Forum in Jerusalem ein klares Bekenntnis ab: „Alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union sind sich einig in der Ablehnung aller Ausdrucksformen von Rassismus, Antisemitismus und Hass – in Europa ist dafür kein Platz, und wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um diesen Kräften entgegenzuwirken.“

Europa hat schon viel getan. 16 EU-Staaten haben bereits die von der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken entwickelte Arbeitsdefinition von Antisemitismus angenommen, eine wesentliche Grundlage für die Erkennung und Bekämpfung des Phänomens in all seinen Formen.

Dies ist indessen kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Es häufen sich antijüdische Vorfälle. Einer umfassenden aktuellen Umfrage unter europäischen Juden zufolge wurde jede dritte Person mit jüdischen Identitätsmerkmalen mindestens einmal verbal oder tätlich angefeindet.

Margaritis Schinas

Die Schüsse in Halle und Brüssel gereichen uns zur Mahnung, dass Antisemitismus auch noch 75 Jahre nach dem Holocaust tötet und unsere Gesellschaften in ihren Grundfesten bedroht. Denn wenn ein Attentäter zu Jom Kippur in einer Synagoge oder in einem Museum im Herzen der europäischen Hauptstadt das Feuer eröffnet, zielen diese Angriffe nicht nur auf die jüdische Gemeinschaft. Diese Angriffe richten sich gegen uns alle. Gegen unsere Grundwerte und Grundsätze. Gegen die Einheit, die Vielfalt und den Zusammenhalt unserer Gesellschaften. Gegen alles, was unsere europäische Lebensweise ausmacht.

Als Sohn der Stadt Thessaloniki bin ich mir des immensen Beitrags der jüdischen Kultur zu unserem europäischen Erbe zutiefst bewusst. Und auch der entsetzlichen Auswirkungen des Holocaust auf eine Stadt, die einst blühendes Zentrum der Ladino sprechenden Sephardim und deshalb als „Madre de Israel“ bekannt war.

Unter meiner Verantwortung hat die Europäische Kommission ein neues Team zur Bekämpfung des Antisemitismus eingerichtet, dessen Aufgabe es ist, die EU-Staaten bei der Entwicklung nationaler Strategien zur Bekämpfung des Antisemitismus zu unterstützen und zu koordinieren: von der Bekämpfung von Hassverbrechen und Hetze über den Schutz und die Integration jüdischer Gemeinschaften bis hin zu Aufklärung und Sensibilisierung.

Sicherheit ist nach wie vor das wichtigste Anliegen der jüdischen Gemeinschaften. Unser Anliegen auf EU-Ebene ist die Sicherheitsunion, in der sich jede Europäerin und jeder Europäer – unabhängig von Glauben, Herkunft oder Aufenthaltsort – sicher und geschützt fühlt. Wir werden die Maßnahmen der EU-Staaten zur Verhinderung von Radikalisierung, zur Bekämpfung von Hetze im Internet und zur Gewährleistung der physischen Sicherheit jüdischer Gemeinschaften weiterhin unterstützen. Synagogen, Gemeindezentren, Schulen und Universitäten müssen Stätten sein, an denen jüdische Kultur geachtet, studiert und gelebt wird und keinen Angriffen ausgesetzt sein darf.

Zugleich müssen wir unsere Anstrengungen im Bereich der Aufklärung verstärken – sie stellt das wirksamste Instrument dar, um antisemitische Vorfälle auf lange Sicht zu verhindern. Wir müssen unsere Kinder, unsere Bürgerinnen und Bürger sowie unsere Strafverfolgungs- und Justizbediensteten über die Schoah aufklären und sie für den Antisemitismus sensibilisieren.

Die Schulen spielen, wie eine ehrgeizige inklusive Bildungsagenda, eine entscheidende Rolle bei der Veränderung von Wahrnehmungen und Einstellungen. Auch in diesem Kontext können die Programme der EU zur Förderung der Mobilität von Studierenden und der Forschung eine wertvolle Unterstützung für die Strategien der EU-Staaten sein. Es ist unsere Pflicht, nicht nur zu gedenken, sondern auch die Stimme zu erheben und zu handeln.

Margaritis Schinas ist Vizepräsident der Europäischen Kommission für die Förderung unserer europäischen Lebensweise. Er koordiniert Maßnahmen zur Bekämpfung von Antisemitismus.

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