Auschwitz-Befreiung

Mehr als Gedenken

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Steinmeier und Merkel sind sich einig: Die Antwort auf Auschwitz ist nicht nur Erinnern. Deutschland muss sich auch weiter für ein friedliches Miteinander in Europa einsetzen. Das schließt den Kampf gegen Rechts ein. Der Leitartikel.

Auschwitz verlangt mehr als ein Erinnern ans Gewesene. Auschwitz verlangt Achtsamkeit in der Gegenwart. Für diesen Gedanken, den der Bundespräsident jetzt erneut in Israel unterstrichen hat, gibt es stets breiten und berechtigten Beifall. Doch was folgt daraus eigentlich konkret?

Dass Frank-Walter Steinmeier soeben als erster Deutscher in Yad Vashem das Wort ergreifen durfte, markiert einen historischen Fortschritt. Es gibt einen klaren Blick zurück, nicht nur aufs Faktische, sondern auch aufs Menschliche. Die Nachfahren der Täter und die Nachfahren der Opfer treten einander heute offener – man kann sogar sagen: herzlicher – gegenüber als je zuvor. Darin liegt ein Schatz, den kommende Generationen unbedingt hüten müssen.

Die noch größere Prüfung heutiger deutscher Politik allerdings liegt in der Bewältigung der Gegenwart, abseits der milde beleuchteten Bühnen offiziellen Gedenkens. Welche Abgründe sich mitunter auftun in der schattenreichen Welt der Außen- und Sicherheitspolitik, weiß Steinmeier aus eigener Erfahrung. Er war, bevor er Außenminister und später Bundespräsident wurde, Chef des Kanzleramts und Koordinator der Geheimdienste. Mal sind es Deals mit auswärtigen Autokraten, die eine Gratwanderung erfordern, mal sind es eigene Wirtschaftsinteressen, mal ist es der Blick aufs große geostrategische Ganze.

Die gute Nachricht ist: Nicht nur mit Blick auf die Vergangenheit, auch im Umgang mit den aktuellen Herausforderungen gelingt den Deutschen heute manches besser als früher.

Die Libyen-Konferenz etwa, zu der Kanzlerin Angela Merkel unter anderem die Präsidenten Russlands, Ägyptens, der Türkei und Frankreichs sowie den US-Außenminister und den wichtigsten Diplomaten Chinas zeitgleich in ihr Kanzleramt bugsierte, markiert ein neues Herangehen in Berlin. Die Deutschen treten mit neuem Mut auf: als weltweit wirksame Akteure, nicht mehr nur als passive, stumme Moralisten.

Diese erste Libyen-Konferenz bringt de facto noch kein Ende des Blutvergießens. Ausdrücklich sagte Merkel gestern in Davos, es sei ja „nur ein Versuch“. Doch wenn die neu etablierten Drähte zwischen den beteiligten Mächten in den nächsten Wochen und Monaten weiter genutzt werden, könnte sich die Libyen-Konferenz doch noch als Wendepunkt erweisen.

Diesen Weg müssen Deutsche und Europäer in diesem Jahr gemeinsam weiter gehen, aufrecht und selbstbewusst. Srebrenica hat gezeigt: Es führt zu nichts Gutem, das Böse zu ignorieren und den Kopf in den Sand zu stecken. Wer Krieg riskiert, riskiert den Zivilisationsbruch.

Am Anfang des Unheils stehen heute wie zu allen Zeiten nationalistische Aufwallungen, begleitet von der Ausgrenzung ethnischer Minderheiten. Steinmeier nahm auf diese wiederkehrenden Muster Bezug, als er in Yad Vashem sagte: „Die bösen Geister zeigen sich heute in neuem Gewand. Mehr noch: Sie präsentieren ihr antisemitisches, ihr völkisches, ihr autoritäres Denken als Antwort für die Zukunft, als neue Lösung für die Probleme unserer Zeit.“

Frieden und Freiheit ergeben sich auch heute leider nicht von selbst. Die EU muss jetzt die frühe, die vorbeugende gemeinsame Ausübung von Macht lernen, ökonomisch und militärisch. Dazu gehören nicht zuletzt auch neue politische Initiativen. Wer wie Deutschland nein sagt zum Nationalismus, muss anderen Staaten stets auch die Alternative beschreiben. Sie liegt, auch wenn es kompliziert klingt, im Multilateralismus.

Merkel hat es in Davos unterstrichen: Zum engeren Zusammenrücken der Staaten, zum systematischen Sich-Vertragen, derzeit im Fall Iran, demnächst mit den Staaten Afrikas, gibt es keine Alternative.

Merkel verzichtet stets auf Pathos, das ist für sie eine Art Grundgesetz. Deshalb ließ sie einen Gedanken unerwähnt, der für sie aber insgeheim ein Ansporn ist und den sie seit Langem mit Steinmeier teilt: Auch in der beharrlichen, unermüdlichen, täglichen Arbeit für ein friedliches Miteinander in Europa und in der Welt liegt letztlich eine Antwort auf Auschwitz. 

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