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Ohne intakte Meere können wir weder die Erderwärmung auf einem beherrschbaren Niveau halten, noch den Hunger beseitigen.

Gastbeitrag

Mehr tun fürs Meer

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Ozeane müssen deutlich besser geschützt werden als bisher. Ein Gastbeitrag von dem KfW-Vorstand Joachim Nagel.

Die Erde müsste eigentlich Meer heißen, weil sie zu gut zwei Dritteln genau daraus besteht. Doch vergessen wir gelegentlich, welch großen Anteil die Ozeane auf unserem Planeten haben: Ohne intakte Meere können wir weder die Erderwärmung auf einem beherrschbaren Niveau halten, noch den Hunger beseitigen.

Die Meere sind unser größter Lebensraum; sie erzeugen die Hälfte unseres Sauerstoffs und speichern etwa ein Drittel des vom Menschen verursachten Kohlendioxids, mehr als alle Wälder. Insofern sind sie ein wichtiger Kohlenstoffspeicher und für den Klimaschutz sehr wichtig. Zudem beherbergen sie die größte Artenvielfalt unseres Planeten und ernähren viele Menschen. Sie liefern Rohstoffe, dienen als Handelswege und als Quell der Erholung. Marine Ökosysteme sind für uns unentbehrlich und unersetzbar.

Tatsächlich handeln wir aber umgekehrt. Rund 40 Prozent der Weltmeere sind bereits stark durch menschliche Eingriffe beeinträchtigt: Knapp 90 Prozent der Fischbestände werden überfischt oder bis an die Grenzen der Nachhaltigkeit genutzt. Plastik und Müll landen unbehandelt im Meer. Geschätzte 100 Millionen Tonnen Abfall befinden sich schon heute in den Ozeanen: Im Pazifik schwimmt mittlerweile ein Plastik-Teppich von der Größe Europas. Ändert sich die jetzige Praxis nicht, soll es bis 2050 – gemessen am Gewicht – mehr Plastik als Fische in den Meeren geben. Eine traurige Vorstellung, denn Plastik zersetzt sich zu kleinen Teilchen und landet irgendwann in der Nahrungskette, also auf unseren Tellern.

Internationaler Meeresschutz spielt daher für die KfW eine immer wichtigere Rolle. Vor einigen Monaten haben wir im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) den „Blue Action Fund“ ins Leben gerufen. Es geht darum, mehr Schutzgebiete auszuweisen, derzeit sind es weltweit erst rund vier Prozent, und vorhandene besser zu managen. Es geht um umweltfreundliche Fischerei, nachhaltige Aquakulturen und sanften Tourismus. Etwa vor Costa Rica, Panama, Kolumbien und Ecuador, wo der „Blue Action Fund“ mit der Naturschutzorganisation „Conservation International“ plant, das Management von zwölf Meeresschutzzonen zu verbessern. Damit sich Rochen, Thunfische, Haie und Meeresschildkröten erholen können.

Der Fonds ist ein völlig neues Instrument im Meeresschutz: Er bringt staatliche und nichtstaatliche Akteure zusammen, damit sie mehr erreichen können. Das Startkapital, das vom BMZ kam, liegt bei 24 Millionen Euro, soll aber durch Beitritt weiterer Geber noch deutlich wachsen. Schweden ist bereits dazu gestoßen, weitere Geldgeber haben Interesse angemeldet. Auch wenn er allein nicht die Weltmeere retten wird, ist der Fonds ein Anfang, der hoffentlich viele Unterstützer und Nachahmer findet.

Beim Tropenwaldschutz haben wir ebenfalls bescheiden angefangen und inzwischen einiges erreicht: In vielen Gegenden ist die Entwaldungsrate rückläufig. Fast zwei Dutzend Länder haben es sogar geschafft, ihre Waldfläche wieder zu vergrößern. Das gelingt immer dann am besten, wenn neben mehr Schutzgebieten die Ortsansässigen mit und vom Wald leben können, ohne ihn zu zerstören. Warum sollte im Meer nicht möglich sein, was auch an Land funktioniert?

Wir ergänzen die Arbeit des „Blue Action Fund“ durch Abwasser- und Abfallprogramme, zum Beispiel in Tunesien. Wer die Meere auf Dauer als Ökosysteme erhalten will, muss dafür sorgen, dass in die Ozeane erst gar nicht hineingelangt, was dort nicht hingehört – Schmutzwasser, Plastik und anderer Abfall. Meeresschutz beginnt daher an Land. Derzeit verfügen allerdings nur wenige Staaten über geordnete und umfassende Abfall- und Abwassersysteme. Bezogen auf Plastik heißt das: Nur ein kleiner Teil wird gesammelt, wieder verwertet und verwendet; der weitaus größte landet irgendwann im Meer.

Deshalb werden immer wieder technische Lösungen ins Spiel gebracht, bei denen zum Beispiel Plastik mit Hilfe von Strömungen aus dem Meer gesiebt werden soll. Noch gilt nichts davon als ausgereift und praktikabel; das meiste Plastik wird sich wahrscheinlich nicht mehr aus den Ozeanen entfernen lassen. Deshalb ist es umso wichtiger, die Verschmutzung durch Plastikmüll rasch zu beenden.

Eines ist klar: Den derzeitigen Kurs beizubehalten, ist keine Option – nicht für die Welternährung und nicht fürs Weltklima. Deshalb sollten wir uns immer wieder vor Augen führen: Wir stehen zwar auf festem Grund, aber der ist umgeben von Meeren, die uns bedrohen, wenn wir sie bedrohen.

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