Gastbeitrag

Mehr Erneuerbare Energie wagen

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Deutschland kann weiter Schrittmacher für die internationale Energiewende sein. Sie ist notwendig und darf nicht verschleppt werden.

Politik und Gesellschaft haben sich zur Energiewende entschlossen, was auch Umfragen regelmäßig bestätigen. Ausgangspunkt ist der Klimaschutz, aus dem sich die verbleibenden Emissionskontingente und Maßnahmen ableiten. Nun wissen wir aber: Würde das bisherige Tempo seit dem Jahr 2005 beibehalten, könnte Deutschland sein Klimaschutzziel für 2020 erst mit 18 Jahren Verspätung erreichen. Erst dann, im Jahr 2038, wäre der CO2-Ausstoß im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent reduziert.

Dabei geht es nicht allein um Klimaschutz, sondern auch um die Modernisierung der Energiewirtschaft, die Nutzung eines großen Innovationspotenzials, wirtschaftliche Entwicklung und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Heute stammt bereits über ein Drittel unseres Stroms aus regenerativen Quellen, und Erneuerbare Energien können grundsätzlich noch einen wesentlich höheren Beitrag leisten.

Zudem stehen sie zu immer günstigeren Bedingungen zur Verfügung. Beispielsweise liegen die Ausschreibungsergebnisse für Photovoltaik und Windkraft inzwischen unter fünf Cent pro Kilowattstunde und sind damit bereits niedriger als neue konventionelle Kraftwerke.

Hinzu kommt die technisch wie ökonomisch notwendige Installation von ausgleichenden Energiespeichern, die trotz immer wieder anderslautender Behauptungen schon heute verfügbar sind. Das gilt für Kurzzeitspeicher genauso wie für Langzeitspeicher. Anschaulich ist auch, dass die Preise für Batterien bereits deutlich fallen, und dann gibt es noch signifikante Synergien zwischen stationären und mobilen Anwendungen. Hier darf der technologische Anschluss nicht verpasst werden.

Die nun von Union und SPD vorgesehenen Sonderausschreibungen für Wind Onshore und Photovoltaikanlagen sind erste Zeichen dafür, dass die Politik erkannt hat, dass bei den Erneuerbaren Energien mehr Engagement sinnvoll ist.

Bis heute kann man aber leider nur von einer Stromwende sprechen. Denn im Wärme- und Mobilitätsbereich ist bislang wenig erreicht und seit 2010 nahezu kein Fortschritt zu verzeichnen. Die Beiträge zum Klimaschutz sind hier zu klein, und gleichzeitig wird das Innovationspotenzial nicht genutzt. Beispielsweise in der Dieseltechnologie sind wir (un)schlagbar, aber gilt das auch für alternative Antriebstechnologien, sei es batterieelektrisch oder mit Brennstoffzelle? Immerhin, mit Biomethan sind wir doch auch schon unterwegs. Der internationale Wettbewerb ist jedenfalls schon längst eröffnet, und neue Spitzenpositionen sind noch zu besetzen.

Ohne Zweifel steht nun die nächste Phase der Energiewende an, die auch unter der Überschrift der Wirtschaftlichkeit steht. In einem fair gestalteten Markt sind Erneuerbare Energien durchaus wettbewerbsfähig. Dafür muss eine CO2-Bepreisung eingeführt werden, die die gewünschte Emissionsminderung honoriert. Bei der Einführung wäre Deutschland bei Weitem nicht das erste Land in Europa. Dabei gibt es auch genug Ansätze, wie Mehrkosten für den Verbraucher durch Rückvergütung oder Streichung anderer Positionen vermieden werden können.

Gleichzeitig ist ein Ausstiegspfad für die Kohle zu definieren. Denn es wäre widersinnig, die alte Erzeugung konkurrierend aufrechtzuerhalten. Das Problem zeigt sich bereits in der Netznutzung, obwohl Erneuerbare Energien eigentlich den Vorrang haben. Damit kein Missverständnis entsteht: Natürlich geht es maßgeblich um Versorgungssicherheit, aber eben nicht um den Schutz der am meisten emittierenden Erzeugung. Auch dahingehend würde eine CO2-Bepreisung dazu beitragen, dass der immer kleinere Anteil, den die Erneuerbaren vorerst nicht decken, zuerst von Gas eingenommen wird.

Nicht zuletzt benötigen wir eine Reform des Abgaben-, Umlagen- und Steuersystems. Dies ist erforderlich, um die sogenannte Sektorenkopplung wirtschaftlich zu ermöglichen. Das heißt, bessere Schnittstellen zu allen Sektoren, nicht nur zu Haushalten, sondern insbesondere zur Industrie und zur Mobilität sind zu schaffen. Erst dann ist es möglich: Erneuerbare Energie nutzen statt Erneuerbare Erzeugungsanlagen abschalten.

Deutschland kann weiter Schrittmacher für die internationale Energiewende sein. Die dadurch ausgelösten Investitionen in die Zukunft werden nicht nur deutlich machen, wie wir internationale Vereinbarungen einhalten. Sie tragen zugleich dazu bei, die technologische Spitzenposition der deutschen Unternehmen im internationalen Wettbewerb und Deutschland als innovationsstarken Industriestandort zu sichern. Erste Signale aus den Koalitionsverhandlungen stimmen hoffnungsvoll. Nun muss es konkret werden.

Peter Röttgen ist Geschäftsführer des Bundesverbands Erneuerbare Energie. 

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