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Mehr Mut bei Energiewende

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Wende schaffen: Die EU muss sich wieder mehr für erneuerbare Energiequellen einsetzen, findet Gastautor Hans-Josef Fell.
Wende schaffen: Die EU muss sich wieder mehr für erneuerbare Energiequellen einsetzen, findet Gastautor Hans-Josef Fell. © dpa

Die EU braucht einen ambitionierten Klimaplan. Die Investitionen befinden sich auf dem niedrigsten Stand seit neun Jahren. Nur mit einem neuen Konzept sendet sie die richtigen Signale an Investoren. Der Gastbeitrag.

Von Hans-Josef Fell

Am 22. April 2016 hat die Europäische Union zusammen mit Regierungsvertretern weiterer 175 Länder das Pariser Klimaabkommen unterschrieben. EU-Klima- und Energiekommissar Miguel Arias Cañeta sprach in seiner Rede vor den Vereinten Nationen feierlich davon, dass Europa im Kampf gegen den Klimawandel „bereit sei, weiterhin als Beispiel zu führen“.

Tatsächlich ist aber die EU in ihrer bisherigen Klimapolitik gescheitert. Das Pariser Abkommen wurde ignoriert, indem die EU-Klimaziele nicht angepasst wurden. Im vergangenen Monat verkündete die Europäische Kommission, dass ihre CO2-Reduktionsziele von 40 Prozent bis 2030 noch gültig seien und eine weitere Überarbeitung der Ziele erst für 2023 angesetzt ist.

Über Jahre war es eine verbreitete Ausrede der EU, nicht international alleine agieren zu wollen. Inzwischen wurden wir von anderen Ländern überholt. China, Costa Rica und Marokko engagieren sich inzwischen mehr für das Klima. Während Erneuerbare in Entwicklungsländern boomen, sind die Investitionen in der EU 2015 um 21 Prozent zurückgegangen – das ist der niedrigste Wert seit neun Jahren.

Dem New Climate Report zufolge ist eine Beseitigung aller CO2-Emissionen bis 2035 zwingend notwendig, um das von 195 Ländern anvisierte Ziel von 1,5 Grad nicht zu überschreiten. Für Industrieländer sieht der Report die Reduktion auf null Emissionen sogar noch früher vor. Die EU müsste also ihre Wirtschaft noch vor 2035 auf null Emissionen umstellen.

Um alle Sektoren zu dekarbonisieren, braucht die EU eine neue und ambitioniertere Klimastrategie. Zuerst muss ein starkes Signal an Investoren gesetzt werden, um sie weg von fossilen Brennstoffen und hin zu Erneuerbaren Energien zu bewegen. Eine EU-Richtlinie für Einspeisevergütungen muss hierzu Anreize schaffen und die Energieeffizienz stärker berücksichtigen.

Dieser Wandel kann und muss ohne den Einsatz gefährlicher Nuklear- und Carbon Capture and Sequestration (CCS)-Technologie erfolgen. Die Wissenschaft hat bewiesen, dass 100 Prozent Erneuerbare Energien bis 2050 nicht nur erreichbar, sondern ökonomisch vorteilhafter sind. Wenn die entsprechende Unterstützung für Forschung und Entwicklung gegeben ist, kann das Ziel sogar noch früher erreicht werden.

Die Wissenschaft hat auch bewiesen, dass alle neuen Investitionen in fossil-basierte Technologien verloren sind und sich langfristig nicht auszahlen werden. Der Bankrott des größten privaten Kohleproduzenten Peabody ist dabei ein Warnsignal an die europäischen Politiker, dass die Ära der Kohle zu Ende ist. Hier muss die EU den Ausstieg aus der Kohle beschleunigen und Unternehmen beim Divestment aus fossilen Industrien unterstützen.

Als zweiten Punkt muss die EU die Energiewende endlich auf den Transportsektor ausweiten. Konkret muss eine gezielte Förderung von Elektro- und Wasserstoffmobilität, sowie reiner nachhaltiger Biokraftstoffe auf den Weg gebracht werden. Außerdem ist ab 2025 ein Verbot von fossil betriebenen Verbrennungsmotoren hierzu unabdingbar.

Drittens ist die Förderung einer biologischen Landwirtschaft, inklusive Wiederbegrünung von degradierten Flächen nötig. Der Einsatz von der aus pflanzlichen Materialien hergestellter Kohle, Biokohle, ermöglicht die Bildung von dringend erforderlichen Kohlenstoffsenken und erhöht die Fruchtbarkeit der Böden. Des Weiteren muss die EU Maßnahmen zur Förderung nachhaltiger Materialien in der Chemieindustrie einführen. Eine Markteinführung von Bioplastik ist schon lange überfällig. Hier kann auch die Biokohle als Ersatz für Erdöl und Erdgas in der Kohlenstoffchemie eingesetzt werden.

Viele verwerfen die genannten Vorschläge als unrealistisch. Jedoch muss man an diese Ideen glauben, um sie in die Realität zu übertragen.

Im Jahre 2000 glaubten selbst viele Menschen aus dem ökologischen Spektrum, dass Hermann Scheer und ich verrückt seien und das EEG nicht zum Erfolg der Erneuerbaren Energien führen könnte. Dieses damals unrealistische Ziel hat sich nun in Deutschlands größten Exportschlager verwandelt.

Erneuerbare Energien wachsen weltweit und sind inzwischen günstiger als neue fossile und nukleare Kraftwerke. 2015 waren die Investitionen in Erneuerbare weltweit doppelt so hoch wie die in Kohle und Gas. Auch die neu installierte Leistung war höher als die kombinierte aller anderen Technologien.

Das steile Wachstum der Erneuerbaren war nur durch das klare Signal an Investoren möglich. Die EU muss nun auch klare Signale zur Dekarbonisierung der Wirtschaft senden, sodass dieses steile Wachstum auf andere Branchen übertragen werden kann. Leider haben die falschen politischen Handlungen der letzten Jahre Europas Vorsprung dahinschmelzen lassen.

Im letzten Jahr hat sich gezeigt, dass die Reduktion von CO2-Emissionen Hand in Hand mit Wirtschaftswachstum gehen kann. Das Divestment von fossilen Energieträgern zu erneuerbaren ist damit nicht nur eine Frage des Klimaschutzes, sondern auch der Investitions- und Profitabsicherung.

Aus diesem Grunde werden die Rufe nach stärkeren Klimaambitionen aus der Wirtschaft immer lauter. Es stellt sich nun die Frage, ob die Europäische Union sich auf die Gewinnerseite einer neuen emissionsfreien Wirtschaftswelt stellen kann.

Hans-Josef Fell ist Präsident der Energy Watch Group und war Bundestagsabgeordneter der Grünen  von 1998 bis 2013.

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