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Tausende hatten vergangenes Jahr gegen die Internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt demonstriert - hier per Fahrraddemo.

Wider den Autowahn

Der Mythos Auto hat lange ausgedient

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Deutschland könnte zum Vorreiter einer weltweiten Entautofizierung werden. Die Kolumne.

Eigentlich ist das ja ein Phänomen. Niemand auf dem ganzen Erdenrund hat so eine innige Beziehung zum Automobil wie der Germane. Manche erklären dies dadurch, dass diese Form der Fortbewegungsbeschleunigung hierzulande erfunden und industrialisiert wurde – doch auch dies hätte ja seine Gründe.

Jedenfalls wurden wir Deutsche durch diese Affinität zum Verbrennungsmotor zur jahrzehntelang führenden Automobilnation. Unsere Vehikel wurden überallhin exportiert, unser Automobilclub und unser Autobahnnetz zu den weltweit größten ihrer Art, nirgendwo sonst darf so schnell gefahren werden, und unsere Fachmesse war lange Zeit die bedeutendste.

Woher kommt der Autowahn?

An langen zu bewältigenden Distanzen kann dies nicht liegen. Schließlich ist unser Ländchen von überschaubarer Fläche, eine Strecke wie von Garmisch nach Flensburg fährt man anderswo zum Brötchenholen. Eigentlich wären wir also ein ideales Bahnfahrland, strenggenommen würden sogar Straßenbahnen reichen.

Woher also dieser Autowahn? Eine Erklärung zumindest für den automobilen Aufschwung nach 1945 ist das Ende der Nazizeit, also die Entjochung von uns selbst. Zwar hatten wir uns diese fürchterliche Phase selbst eingebrockt, doch brauchte es Briten, US-Amerikaner, Russen und Franzosen, uns von uns zu erlösen.

Nur die AfD streitet den Klimawandel ab

Anschließend dauerte es nicht lange, und das eigene Auto wurde zum Symbol dieser neu erlangten Freiheit, pikanterweise ermöglicht durch den von Hitler erdachten „Volkswagen“, das Auto für alle. Rasch lautete denn auch der neue Slogan des ADAC: „Freie Fahrt für freie Bürger“ – allerdings auf des „Führers“ Trassen.

Doch die Nazizeit ist lange vorbei, also sollten wir uns auch daran machen, die Folgeerscheinungen zu beseitigen. Nicht zufällig streitet die AfD als einzige Partei den Klimawandel ab, ein Grund mehr, entschlossen dagegen anzugehen.

Selbst der ADAC ist nicht mehr geschlossen gegen ein Tempolimit

Und da selbst die einst einbetonierte Position des ADAC gegen ein Tempolimit auf Autobahnen zu bröckeln beginnt, sollte der Weg zu einer Alternative für Deutschland geebnet sein – zu Tempo 130.

Doch da ginge noch mehr. So wie Deutschland lange Motorland Nr. 1 war, hätte es nun die Chance, Vorreiter einer weltweiten Entautofizierung zu werden. Der Mythos Auto hat lange ausgedient. Das sieht übrigens auch sein Herstellerverband so – allerdings ohne es zuzugeben.

Das armselige Wehklagen der Automobilindustrie

Denn wie armselig ist denn das Wehklagen einer einst so mächtigen Institution über ein Häuflein Demonstranten gegen die Frankfurter Automesse und die Aussagen eines Oberbürgermeisters in einer nicht gehaltenen Rede, eine Stadt brauche „mehr Busse und Bahnen, aber nicht mehr SUV“?

In früheren Zeiten hätte dieser Bund der Selbstgefälligen so etwas nicht mal ignoriert. Nun aber schmollte der siechende Verband und bettelt in Berlin, Hamburg und München um Sterbebegleitung. Frankfurt jedenfalls kann froh sein, sich nicht um weitere lebenserhaltende Maßnahmen kümmern zu müssen und sich um Wichtigeres und Zukunftsträchtigeres kümmern.

Das Auto wird nicht mehr geliebt, nur noch gebraucht. Das kann man ändern, und zwar durch andere Formen der Mobilität. So zum Beispiel mehr Radwege, mehr Trottoirs, autofreie Innenstädte, Tempo 30 innerorts und kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr – also mehr Busse und Bahnen, aber nicht mehr SUV.

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