Gastbeitrag

Mehr Bildung wagen!

Jeder Euro, der in Weiterbildung oder Umschulung investiert wird, bringt Einnahmen oder spart mindestens zwei Euro.

Europas wertvollstes Gut sind seine Bürgerinnen und Bürger. Investitionen in Menschen und ihre Kompetenzen sind Investitionen in Nachhaltigkeit und Innovationsfähigkeit in Europa, insbesondere in diesen schwierigen Zeiten. Und es sind lohnende Investitionen: Jeder in die Weiterbildung oder Umschulung investierte Euro bringt Einnahmen oder Einsparungen in Höhe von mindestens zwei Euro. Alle Menschen in der Europäischen Union (EU), egal welchen Alters, sollten Zugang zu Fortbildung haben, um die Kompetenzen zu erwerben, die für einen erfüllenden Arbeitsplatz in einer zunehmend grünen und digitalen Wirtschaft erforderlich sind.

Das ist dringend nötig. Über die Hälfte aller Erwachsenen verfügt nicht über die grundlegenden digitalen Kompetenzen und sehr wenige bilden sich fort, um ihre Kompetenzen zu verbessern oder neue Fertigkeiten zu erwerben. Das muss sich ändern. Neun von zehn Arbeitsplätzen erfordern digitale Kompetenzen. Wir brauchen mehr junge Menschen, insbesondere Mädchen und Frauen, die sich – auch beruflich – für Wissenschaft, Technologie, Ingenieurswesen und Mathematik interessieren. Hunderttausende Stellen bleiben unbesetzt, weil es an den entsprechend qualifizierten Bewerbern und Bewerberinnen fehlt; deswegen muss auch die erwachsene Erwerbsbevölkerung dringend mehr digitale Kompetenzen aufbauen.

Wenn die in der neuen Kompetenzagenda vorgestellten Ideen der Europäischen Kommission Wirklichkeit werden soll, brauchen wir eine noch bessere und intensivere Zusammenarbeit aller Akteure. Durch den „europäischen Kompetenzpakt“ sollen Partner im Bildungsbereich und Unternehmen angeregt werden, mehr und bessere Bildungsmöglichkeiten zu schaffen und in die Weiterbildung zu investieren, insbesondere in den Branchen Gesundheit, Bauwesen, Automobil- und Verkehrswesen und Tourismus. Der Pakt soll groß angelegte öffentlich-private Partnerschaften erleichtern, die den grünen und digitalen Wandel in Europa voranbringen.

Zusammen mit den EU-Staaten will die Kommission außerdem die berufliche Aus- und Weiterbildung – die bereits die Hälfte der Jugendlichen auf ihren ersten Arbeitsplatz vorbereitet – moderner, attraktiver, flexibler und fit für das digitale Zeitalter machen. Insbesondere die Lehrlingsausbildung ist für junge Menschen ein Sprungbrett in den Jobeinstieg. Wir müssen unser Möglichstes tun, damit trotz der aktuellen Lage genügend Lehrstellen zur Verfügung stehen. Die Lehrlinge, die wir jetzt ausbilden, sind die Fachkräfte der Zukunft. Neue Exzellenzzentren für berufliche Aus- und Weiterbildung in Europa werden insbesondere junge Menschen bei Erstausbildung, Weiterbildung und gegebenenfalls Umschulung unterstützen.

Die Leitinitiative „Europäische Hochschulen“ wird Netzwerke zwischen Hochschulen und Unternehmen aufbauen, damit die Europäerinnen und Europäer über Sprachen, Grenzen und Disziplinen hinweg zusammenarbeiten können. 41 Allianzen, an denen 280 Hochschulen aus 27 EU-Staaten und Drittländern beteiligt sind, bündeln Wissen und Ressourcen, entwickeln interdisziplinäre, kompetenzorientierte Lehrpläne und fördern Forschung und Innovation. Die Programme Erasmus+ und Horizont Europa (2021-2027) unterstützen diese Initiative mit 287 Millionen Euro.

Zur Unterstützung des lebenslangen Lernens werden wir prüfen, ob und wie individuelle „Ausbildungskonten“ die Menschen in die Lage versetzen könnten, sich aktiv um Weiterbildung und Umschulung zu bemühen, wie es in einigen EU-Staaten bereits der Fall ist. Angesichts der Schnelllebigkeit des Arbeitsmarktes werden zunehmend kürzere und gezieltere Kurse angeboten; auch die so erworbenen neuen Fähigkeiten sollten anerkannt werden. Wir werden europäische Standards für Qualität und Transparenz zur Anerkennung der Weiterbildungen schaffen.

Nach unserer Schätzung müssten in der EU jedes Jahr zusätzliche private und öffentliche Mittel in Höhe von 48 Milliarden Euro in die Kompetenzen unserer Bürgerinnen und Bürger investiert werden. Für eine angemessene Finanzierung brauchen wir permanentes politisches Engagement und Unterstützung.

Eine tragfähige europäische Kompetenzbasis ist eine wichtige treibende Kraft für unsere Wettbewerbsfähigkeit und schafft eine integrative und nachhaltige Gesellschaft. Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass die Europäerinnen und Europäer gestärkt und besser für künftige Herausforderungen gerüstet aus der gegenwärtigen Krise hervorgehen.

Mariya Gabriel (Bildungs- und Forschungskommissarin der EU)
Nicolas Schmit (Sozialkommissar der Europäischen Union)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare