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Megan Rapinoe wurde bei der WM zur besten Spielerin und Torschützenkönigin gekürt. Und den WM-Titel nahm sie auch mit nach Hause.

Gastbeitrag

Megan Rapinoe ist nicht unamerikanisch

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Die Fußballerin Megan Rapinoe steht für Minderheiten ein und lebt zivilen Ungehorsam. Damit vertritt sie die Werte der USA viel mehr als andere. Ein Gastbeitrag.

Bis vor kurzem dürften hierzulande nur wenige Megan Rapinoe gekannt haben. Aber auch bevor Rapinoe zur besten Spielerin der Frauen-Weltmeisterschaft und Torschützenkönigin gekürt wurde und mit ihren US-Mitspielerinnen das Tunier gewann, erlangte sie auch in Deutschland eine mediale Aufmerksamkeit durch ein Video.

Vor Monaten meinte sie in einem Interview nebenbei, sie gehe nicht „to the fucking White House“ (sie gehe nicht ins Weiße Haus), sollten die US-Frauen den WM-Titel gewinnen und vom Präsidenten eingeladen werden. Donald Trump twitterte sofort los und schimpfte: Sie möge gewinnen, bevor sie irgendetwas daherrede und sollt nicht die Flagge, das Weiße Haus und das Land missachten.

Megan Rapinoe ist eine politisch engagierte Sportlerin

Lange vor dieser Weltmeisterschaft wurde Rapinoe in den USA als politisch engagierte und kontroverse Sportlerin bekannt. Bereits im September 2016 war sie die erste weiße Profisportlerin, die sich mit der Protestaktion des NFL Football-Quarterbacks Colin Kaepernick solidarisierte. Um gegen Rassismus und die fortwährend tolerierte Gewalt gegen Schwarze in den USA zu protestieren, weigerte sich Kaepernick zu stehen, während die Nationalhymne gespielt wird.

Rapinoe, die gleichfalls kniete, sagte zur ihrer Handlung, dass sie als lesbische Frau sehr wohl wisse, was es bedeute, das Gefühl zu haben, die US-Flagge schütze nicht alle Rechte von Minderheiten. Daher sei es besonders wichtig, dass auch weiße Menschen Kaepernick unterstützten.

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Damals äußerte Präsidentschaftskandidat Trump dazu, Kaepernick solle die USA sofort verlassen und fügte später als Präsident hinzu, dass kniende NFL-Spieler sofort gefeuert werden müssten. Der Druck, den Trump damals auf NFL-Besitzer ausübte, wird allgemein dafür verantwortlich gemacht, dass Kaepernicks Karriere bei der NFL zu Ende ging.

Seit Kaepernick haben andere Star-Spieler wie die Basketballer Steph Curry und LeBron James sowie Mannschaften wie etwa die Golden State Warriors (NBA), oder die Philadelphia Eagles (NFL) Trump und die Einladung ins Weiße Haus für siegreiche Mannschaften boykottiert.

Megan Rapinoe tritt gegen Homophobie, Sexismus und Rassendiskriminierung auf

Rapinoe kritisiert nicht nur Trump. Sie tritt gegen Homophobie, Rassendiskriminierung, ungleiche Strafverfolgung und auch gegen Sexismus auf, vor allem im Sport. Mit anderen Nationalspielerinnen verklagte sie den US-Fußballverband wegen Diskriminierung, vor allem was ungleiche Bezahlung angeht. Rapinoe nahm es auch mit der Fifa auf und kritisierte deren schlechte Behandlung von Frauenfußball im Allgemeinen. So wurden etwa drei wichtige Spiele am Tag des WM-Finales geplant.

Rapinoe wird dafür kritisiert, nicht in ausreichendem Maße patriotisch zu sein und das Land zu polarisieren. Was solche Kritik übersieht, ist die Geschichte des amerikanischen zivilen Ungehorsams. Henry David Thoreau schrieb das Essay „Civil Disobedience“ von 1846, in dem er sein Nichtzahlen von Steuern in Massachusetts mit seinem Widerstand gegen die Sklaverei und den Krieg gegen Mexiko begründet. Er schrieb, dass er wisse, wenn eintausend, nein, einhundert, nein, zehn ehrliche Menschen ungehorsam würden, würde das den Anfang vom Ende der Sklaverei bedeuten.

Sport ist ein Ort der politischen Kritik, nicht nur in Amerika – siehe Eintracht Frankfurts klare Positionierung gegen Rechts. 1967 kritisierte Muhammed Ali den Vietnamkrieg und weigerte sich, in den Krieg zu ziehen. Er wurde verhaftet, verlor alle Titel und durfte nicht mehr als Boxer antreten. Bei der Siegerehrung während der Olympischen Spiele 1968 erhoben die Sprinter Tommie Smith und John Carlos ihre geballten Fäuste in schwarzen Lederhandschuhen, um gegen Rassendiskriminierung zu protestieren. Dafür wurden sie ausgepfiffen.

Megan Rapinoe verkörpert zivilen Ungehorsam

Zu der Kritik, ihre Handlungen seien unamerikanisch, meinte Rapinoe: „Ich denke, dass ich in einem besonderen Maße zutiefst und einmalig amerikanisch bin. Wenn wir über die Ideale sprechen, für die all die Lieder und die Nationalhymne stehen und auf denen die Nation gegründet wurde, bin äußerst amerikanisch.“ Rapinoe wurde wegen ihrer Siegerpose mit ausgestreckten Armen und stolz nach oben gerichteter Brust sowohl mit Captain Amerika wie auch mit der Marianne verglichen. Diese Nationalfigur der Franzosen führt in Delacroix’ „La Liberté“ (1830) das französische Volk an.

Für mich verkörpert diese Starathletin Eigenschaften wie den zivilen Ungehorsam, die überschwängliche Freude am Spiel gekoppelt mit Disziplin, der Fähigkeit, selbst unter Beschuss Ruhe zu bewahren und dem Einstehen für die Rechte anderer. Heute bin ich zutiefst glücklich und stolz, dass Rapinoe und ihr Team mein Heimatland vertreten.

Greta Olson ist Professorin für Amerikanistik an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

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